Indem sie sich die letzten Träume erfüllt, hebt

die Menschheit ab. Alternde deutsche Manager sind euphorisiert von der „Torheit des Mutes, Dinge anzupacken, gegen die sich der intelligente Verstand sträubt“; Software-Spezialisten in Washington kriegen das Glitzern in die Augen, weil sie versuchen dürfen, wovon ihre erfahreneren Kollegen sagen, es sei unmöglich: dieses absolut letzte Computerspiel für Laserkanonen und Abwehrraketen, gegen alle Geschosse und Bomber und U-Boote der Welt fehlerfrei zu programmieren. Breit und binnenpluralistisch behandelt das Kursbuch 83 (Kursbuch Verlag, Berlin; 192 S., 9,80 DM) den „Streit um SDI“.

Ein funktionierendes SDI, das entnehme ich den Analysen von Afheldt und anderen, wäre „passive Bewaffnung“: wo alle nur Speere haben und einer kauft sich einen Schild, da droht er mit dem Angriff. Jedenfalls könnte er, und das reicht. Die Ersetzung der prekären und perversen Balance wechselseitiger Vernichtungsdrohungen (MAD) durch das Streben nach totaler Sicherheit mindert eben diese. Das Streben nach Unverwundbarkeit, an dem Reagans südkalifornische Sponsoren so gut verdienen, ist höchst gefährlich: Jenseits der Balance ist totale Sicherheit nur durch den Erstschlag zu haben, und folgt man der technischen Logik von SDI, dann könnte er im Spannungsfall zum Gebot für Verantwortungsethiker werden. Nun ja, die Logik ...

Aber war „logisch“ nicht das meistgebrauchte Wort, erst kürzlich bei den Challenger Hearings? Man sehnt sich zurück nach den guten alten Panzerfäusten. Der Wunsch nach totaler Unversehrbarkeit ist – so Grant Johnson im Kursbuch – der „Einbruch des Phantastischen“, ist Kinderwunsch, ist Regression. Die Kehrseite: der Löffel wird beim Computer abgegeben, auch in Friedenszeiten schon. Im US-Kongreß wurde ein Gesetz gemacht, nach dem, sollten sich die Abgeordneten nicht in einer bestimmten Frist selbst auf den Haushalt einigen können, ein Computeralgorithmus ihn diktiert – präventive Selbstentmachtung, HAL ante portas.

Träume von der Unsterblichkeit

Sollte der Abwehrautomat SDI funktionieren, müßte man zur Abwehr ebenso viele Megatonnen zünden, wie der Angriff abladen würde. In Washington geht schon das Gerücht, das Ganze funktioniere nicht und werde in zwei Jahren abgeblasen. Vorerst ist Helmut Kohl nach einem Gespräch mit Edward Teller tief beruhigt aus Amerika zurückgekommen. Ich frage mich, was Surrealismus ist: dieses Gespräch, solche Projekte, oder Gerd Grözingers Vorschlag, jede Atommacht solle hundert Bomben samt Personal in den Großstädten des Gegners fest installieren (MAX MAD) – es wäre dasselbe, was wir haben, nur billiger.

Per aspera ad absurdum. Rüstung ist nur „ein Zweig jenes Fortschritts, der auch auf fast allen anderen Gebieten Waffencharakter hat und den Wahn nährt.. ., man könne sich schützen, gegen alles, gegen Krankheiten, gegen Tod und Feinde, gegen Langeweile, Blattläuse und verstopfte Abfallrohre“. Jürgen Dahl schreibt das, in den Scheidewegen (Heft 15, Selbstverlag der Max-Himmelheber-Stiftung, Baiersbronn; 326 S.; 28 DM). Schade, daß diese „Zeitschrift für skeptisches Denken“ nur noch einmal im Jahr erscheint. „Wer kann nein sagen, wenn befragt, ob man diesem armen, geistig zurückgebliebenen Kind nicht helfen sollte, oder dieser armen, kinderlos gebliebenen Frau? Selbst Holofernes hätte Tränen in den Augen ... Trotzdem möchte ich mir eine Frage erlauben. Was geschieht, wenn es sich nach Jahren herausstellt, daß das eine oder andere aus gefrorenen Embryos, aus manipulierten Eiern, aus gepökeltem Samen zusammengeleimte Kind Schäden entwickelt, die auf seine maculata conceptio zurückzuführen sind? Wir wissen ja, die Nukleinsäuren sind besonders empfindliche, leicht beschädigte Substanzen.“