Von Klaus Völker

In Berlin gedeiht eben weniger die Kunst, es gedeiht hauptsächlich die Publizistik“ – hält der Vierundachtzigjährige, seit 1923 in Berlin lebende Schriftsteller Martin Kessel in seinen „Ironischen Miniaturen“ dem Hang der Berliner zu Parforce-Leistungen, Betriebsamkeit, Vorwitz und oberflächlichem Zeitgeist entgegen. Der im sächsischen Plauen geborene Kessel hat in guten und in schlechten Zeiten seiner Wahlheimat dennoch die Treue gehalten, sich für ihren Alltag, ihre eher unauffälligen Besonderheiten und Paradoxien begeistern können und auf seine unverkennbar sarkastische Weise treffende Beiträge zur Physiognomik Berlins geliefert.

Wie der ihm wesensverwandte Franz Hessel, dessen Bücher jetzt wieder im Buchhandel erhältlich sind, ist Martin Kessel in erster Linie ein Meister der kleinen Form. Er hat nicht allzuviele Bücher veröffentlicht. Seine Aphorismen, Essays und Spruchgedichte zeugen aber von verantwortungsvoller, intensiver Schreibarbeit, die wesentlicher ist und schwerer wiegt als die zu jeder Messe pünktlich vorgelegten Buchtitel so vieler mediengerechter Literaturproduzenten.

Kessels bedeutendster Roman ist zweifellos „Herrn Brechers Fiasko“, 1932 erstmals erschienen, eine Darstellung des Berliner Alltags in den Jahren der Weimarer Republik, die einen illusionslosen Einblick in das Leben der Angestellten gibt. Im Mittelpunkt steht Doktor Brecher, Mitarbeiter des Propagandabüros eines Versicherungskonzerns, der sich seinen von Ironie durchsetzten Individualismus nicht austreiben lassen will. Ihm ist der zur Macht strebende Dr. Geist gegenübergestellt, der schließlich zum Personalchef befördert wird und den nicht anpassungswilligen Brecher mit der Begründung entläßt, daß er für einen kapitalistisch geführten Betrieb ungeeignet sei. Der zweite große Roman Kessels, „Lydia Faude“, ist eine amüsante, mit bissigem Humor und heiterer Wehmut erzählte Berliner chronique scandaleuse, die 1965 erschienen ist, zu einer Zeit, als man nur die Simmels oder ganz neue Formen des Erzählens zur Kenntnis nehmen wollte.

Zwischen den beiden großen Romanen veröffentlichte Martin Kessel 1938 noch den kleinen „intimen“ Roman „Die Schwester des Don Quichote“, der, nach einer Neuauflage 1959 in der „Mainzer Reihe“, nun in der Bibliothek Suhrkamp Aufnahme gefunden hat. Auch in diesem Buch ist Berlin der treibende Schauplatz der Handlung.

Der Maler Theo Schratt, dessen Bilder eben erstmals in einer Ausstellung gezeigt worden sind, verlegt seinen Wohnsitz von Treptow nach Wilmersdorf. Ein Krämer besorgt ihm mit seiner Fuhre den Umzug und verlangt kein Geld, sondern ein Bild als Lohn: die Darstellung einer Treptower Straße, auf der auch sein Laden zu sehen ist. Die neue Zimmerwirtin empfindet diesen Vorgang schon wie eine unrechtmäßige Schmälerung des künstlerischen Nachlasses, den sie zusammen mit dem Maler in ihre Obhut zu nehmen gedenkt. Zwar in die Fänge dieser resoluten Frau Veitzuch geraten, ist Theo Schratt aber bald nur noch von Saskia Skorell fasziniert, einer schon mehrfach von Künstlern porträtierten Dame der besseren Gesellschaft, die ihm ihre Gunst schenkt und Modell sitzt. Frau Skorell verwirrt ihn, wie ein Traum ihrer selbst prägt sie sich ihm ein. In ihm setzt sich ein „Vexierbild ihrer Spiegelnatur“ fest, ein der Parodie benachbartes Ideal, das ihn diese sphinxhafte Dame wie „die Schwester des Don Quichote“ empfinden läßt.

Die uneingeschränkt gewährte Hingabe, die er sich erhofft, wird ihm nicht zuteil, Frau Skorell bevorzugt „schwebende Verhältnisse“, seit dem Tod ihres Gatten lebt sie mit Mymmchen zusammen, und der akademische Maler Professor Njeshowski fungiert als ihr Hausfreund und Berater. Theo Schratt skizziert ein Porträt, das ihm nicht gelingen will, denn das Begehren, die Porträtierte kennenzulernen und seinem Lebensanspruch zu unterwerfen, ist zunächst größer als die Leidenschaft, ein Kunstwerk zu schaffen. Je unerreichbarer die Geliebte für ihn wird, um so stärker wächst in ihm der Drang, sie sich als Bild zu erhalten. In der Spannung von Erregung durch die ihn faszinierenden Reize der Saskia Skorell und Abwehr der ihn mit ihrer gierigen Anteilnahme bedrängenden Veitzuch, die die von Theo angefertigte, dann zerrissene Skizze seiner geliebten Dame sorgfältig wieder zusammenklebt, entsteht ein einzigartiges Gemälde.