Von Uwe Knüpfer

So ist es oft: Der Proteststurm, der einer neuen Idee, wie Bildung zu verbessern sei, entgegenweht, verflüchtigt sich zu einem lauen Lüftchen, wenn die Idee sich erst einmal anschaulich zu Bauten, Lehrern, Schülern verfestigt hat. Das gegenwärtig neu entbrannte Gezeter einiger christdemokratischer Kultusminister um die nordrhein-westfälische Kollegschule, um bedrohte Gymnasien, um Seiteneinstiege und Hintertüren könnte glauben machen, in unseren Schulen sei ein neuer Kulturkampf entbrannt. Wer sich nach Idyllen sehnt, sollte deshalb nach Düsseldorf blicken. Dort gedeiht, beinahe im Verborgenen, seit 1977 ein bundesweit einmaliges Projekt: der „Lernort Studio“. Und was das Erstaunliche ist: Beinahe niemand in Stadt und Region regt sich darüber auf; nicht die christdemokratische Opposition im Rat, nicht der Philologenverband, nicht die Direktoren der Gymnasien. Eitel Sonnenschein? Beinahe.

Christoph Rödig hockt versunken vor einem rechteckigen Stück Ton. Mit den Fingern modelliert er geschwungene Stufen in das feuchte Material. „Das soll eine Landschaft werden.“ Der Zwanzigjährige ist vor kurzem von einer Reise nach Ägypten zurückgekehrt. Dort haben sich ihm nie gesehene Landschaftsformen eingeprägt. Was ihn in der Fremde begeistet hat, ruft er jetzt mit seinen Händen und mit Hilfe des Tons in die rheinische Wirklichkeit zurück.

Nebenan träufelt Andrea Kirschner Ölfarben in eine Wanne voller Kleister. Mit einem Stift zieht sie vorsichtig einen Farbklecks in den anderen. Mehrfarbige Spiralen entstehen, Farbnebel, skurrile Figuren. Im nächsten Arbeitsgang legt die Schülerin ein Blatt Papier auf die Kleisteroberfläche. Die Ölfarben hatten nun auf dem Papier, der Kleister kann gesäubert und erneut verwendet werden.

Das bunte Blatt soll den Deckel eines Notizbuchs zieren. Eines Buchs, das Andrea Kirschner selbst hergestellt haben wird, von Anfang bis Ende, nach den alten Regeln der Buchbindekunst.

In anderen Räumen wird gewebt, gesponnen, Pantomime getanzt, werden Möbel geschreinert, selbst entworfene Schmuckstücke geschmiedet. Es ist später Nachmittag, und dennoch: In den Werkräumen der Städtischen Kollegschule Kikweg und in einem alten Schulgebäude gegenüber pulsiert das Schülerleben. Dabei ist es in jedem Raum ganz ruhig, die intensive Arbeitsatmosphäre nimmt den Eintretenden sofort gefangen.

Düsseldorfer Gymnasiasten, Kolleg- und Gesamtschüler der Sekundarstufe II, also Jugendliche meist im Alter zwischen 16 und 20 Jahren, suchen derzeit regelmäßig den „Lernort Studio“ auf. In den letzten Jahren sind es immer mehr geworden. Sie alle kommen freiwillig, „just for fun“, wie Studioleiter Bruno Schnabel formuliert. Der Notendurchschnitt beim Abi läßt sich im Studio nämlich nicht aufpolieren; Zensuren und Zeugnisse gibt es hier nicht.