Eine Metapher Hegels als Titel und Motto eines Romans: "... es ist der Sonntag des Lebens, der alles gleichmacht": es gibt keine Schlechtigkeit mehr, alle Menschen sind wohlgemut, die Welt ist aus den Angeln gehoben, nichts mehr ist unmöglich. Raymond Queneau, der große französische Sprachspieler, erzählt in seinem Roman die Geschichte des jungen Soldaten Valentin, der Julia, eine fünfzehn Jahre ältere Besitzerin eines Kramladens heiratet – und glücklich ist. Sonntag des Lebens: es wird gespachtelt, geschnäbelt, verscheuert – und am Abend wird dichtgemacht. Es geht einem etwas auf den Wecker, man tritt einem auf die Quanten, drückt einem die Pfoten, latzt sich wieder und lacht sich einen Ast. Sonntag des Lebens: ein legerer Umgang mit den Menschen, ein unbefangener Umgang mit der Sprache.

Queneau erzählt, mit spielerischer Leichtigkeit und grotesker Akribie, eine Alltagsgeschichte als phänotypisches Ereignis – oder umgekehrt, wie sich’s ergibt. An entscheidender Stelle sagt Julia: "Was ist denn in Chantal gefahren? ... An einem Sonntag! Uns zum Tee einzuladen! Die ist wohl auf den Kopf gefallen! Und gerade an einem Tag, an dem ‚Tarzan‘ gespielt wird!" und man ist sogleich im Bilde. Wenn im Ersten die "Sportschau" ist, telephoniert man nicht mit Onkel Emil, wenn im Zweiten die "Schwarzwaldklinik" läuft, behelligt man Tante Christa nicht mit, einem Kochrezept: Die Zeiten gleichen sich, und die Menschen auch, ob diesseits oder jenseits des Rheins.

Es ist Sonntag des Lebens, ewiger Feiertag, Freizeit ohne Widerruf. Europa: ein Tanzplatz auf dem Vulkan. Alles ist aufgehoben, alles austauschbar: Orte und Zeiten, Personen und ihre Namen, Situationen und ihre Bedeutungen. "Sonntag des Lebens" ist ein federleichter Roman über die Lebensatmosphäre in Frankreich unmittelbar vor dem Krieg, eine Zustandsschilderung der liebenswerten Hochschätzung des Laisser-faire, der launischen Geringschätzung Hitlers, der fahrlässigen Einschätzung von München 1938. "Außerdem ist Hitler nicht verrückt", sagt jemand, "er weiß genau, daß es bei ihm ’ne Revolution gäbe, wenn er ’nen Krieg anfinge, verstehste, der ist doch nicht verrückt. Eines Tages wird er Stalin die Ohren lang ziehen, aber das kann uns egal sein."

Valentin genießt den Sonntag des Lebens: ein Austernessen, eine Touristenreise, eine Hellsehersitzung, wie man sie komischer nie beschrieben bekam; er genießt den sanften Mord an seiner Nachbarin, den fröhlichen Schlaganfall seiner Ehefrau, all diese heiteren Gesellschaftsspiele des Lebens; als er eine Kirche vor sich sieht, findet er, "daß die Religion doch ein guter Zeitvertreib sein mußte und daß einsame und verlassene Personen dadurch in Gesellschaft kamen". Schließlich verabschiedet man ihn in den Krieg und wünscht ihm "friedliche Feindseligkeiten", wobei diese noch liebenswerter scheinen in ihrer graziösen alliteratorischen Ambivalenz als die französischen "pacifiques höstilités". Und doch, das ist ein Jammer mit anzusehen, wie wenig Resonanz die Romane Queneaus bei uns gefunden haben. Die Deutschen mögen’s tief und dunkel bis ins letzte geklärt. Wie die Griechen zu sein, was Nietzsche an ihnen rühmt – "an den Olymp des Scheins zu glauben" – das haben uns die Franzosen voraus.

Eugen Helmlé hat, wie alle Romane Queneaus, auch diesen übersetzt. Seine Kunst, die umgangssprachliche Metaphorik in deutschen Wendungen so genau und atmosphärisch dicht zu transponieren, macht es möglich, scharf in die Seele unserer Nachbarn hineinzublicken. Es gibt nämlich keinen charmanteren Hohn auf die Wonnen der Kleinbürgerlichkeit, keine zärtlichere Satire auf die Beschaffenheit der menschlichen Natur, als man sie in diesem Roman finden kann.

(Raymond Queneau: "Sonntag des Lebens", Roman aus dem Französischen von Eugen Heimle; Fischer Taschenbuch 5892, Fischer Verlag, Frankfurt, 1986; 236 S., 9,80 DM.)

Ludwig Harig