Letzte Woche haben manche ZEIT- Leser gestaunt: Wir haben nackte Menschen gezeigt. Und nun wollen wir auch in aller Offenheit darüber schreiben. Zuerst einmal: Wer ist dieser Robert Mapplethorpe und wer ist Lady Lisa Lyon? Robert M. ist Photograph, Lady L. L. sein Photomodell. Nichts weiter, Modell sein ist hochanständig, schließlich hatte ja auch Michelangelo Modelle, wiewohl das oft männliche Modelle waren. Dieser Bevorzugung verdanken wir einiges an Kunstgeschichte, man denke nur an den splitternackten David in Florenz. Fra Angelico andererseits soll seinen Engelsvorbildern gelegentlich studienhalber hinterhergelaufen sein. Dafür hat er sie dann auch mit besonders hübschen Stoffkleidern gemalt.

Bei Robert M. und Lady L. L. ist alles ganz anders. Denn in diesem Fall hat nicht er sie gesucht, sondern sie ihn gefunden. Das macht die künstlerische Beziehung beider interessant für die immer noch ungeklärte Frauenfrage. Denn auf diese Weise kann Lady L. L. allen Frauen zeigen, wie man es anstellt, daß Mann nur das photographieren – also in Kunst verwandeln kann – was Frau will. Und nicht umgekehrt, das wäre dann wieder der typische männliche Voyeurblick, selbst wenn die Bilder völlig gleich würden. Diesen Unterschied in der Bewertung muß man verstehen. Ohne eindeutigen Standpunkt ist die Hälfte der Photographien pornographisch, mit Lady L. L.’s Augen gesehen, sind sie revolutionär. „Die Bilder sind ein bißchen hart, so wie wir“, sagt sie. Und meint auch, daß es bei ihren „Versuchen, sich aus den Fesseln stereotypischer Weiblichkeit zu befreien, nur in den außermoralischen Bezirken dieser Photos ein emotionaler Durchbruch gelungen sei, der im wirklichen Leben immer noch unmöglich ist“.

Bei dem Wort Moral fällt uns ein, daß im Buchtext die katholische Erziehung von Robert M. stark betont wird. So etwas nützt doch offensichtlich etwas im Leben, besonders bei der Ausübung künstlerischer Photographie.

Doch kommen wir wieder zu Lady L. L. Sie hatte 1979 die erste Frauen-Bodybuilding-Weltmeisterschaft in Los Angeles gewonnen und betrachtet sich selbst als Darstellungskünstlerin, als Bildhauerin am eigenen Material. Sie und der Künstler Robert M. haben sich – so steht es im Buch – „verschworen, um die Geschichte der Obsessionen zu erzählen, die Ihnen gemeinsam sind. Ihre Verherrlichung des Körpers ist ein Willensakt, ein trotziger Widerstand gegen Nihilismus und Abstraktion ... und vielleicht erkennt der Leser in diesem Buch eine Allegorie auf die letzten Jahre eines zerzausten Jahrhunderts“! Leider läßt das Buch so manche Fragen offen. Zum Beispiel die, ob Lady L. L. auch katholisch erzogen wurde. Dafür sind die Bilder um so klarer im Ausdruck, der Besen. Willens-Akte, Lieber Leser, auf 132 Seiten.

Norbert Denkel