Der Präsident sieht im Kampf gegen die Sandinisten seine Bewährungsprobe

Von Ulrich Schiller

Washington, im März

Um 11 Uhr vormittags besuchten ihn zwei CIA-Beamte, um ihm "tiefere Einblicke" zu gewähren. Zwei Stunden später wurde er ins Weiße Haus gefahren. Der Präsident höchstpersönlich gab sich die Ehre, dem jungen Abgeordneten – zwei Tage vor der Abstimmung – die Bedeutung der Entscheidung für Gedeih und Verderb des Vaterlandes noch einmal vor Augen zu führen. Die Telephone im Kongreßbüro läuteten unentwegt. Denn zu Haus in Osttexas hämmerten derweil Werbespots den Rundfunkhörern ein: "Um Präsident Reagan zu helfen, die kommunistische Expansion in Mittelamerika zu stoppen, brauchen Sie nur einen wichtigen Anruf zu machen: Rufen Sie Ihren Abgeordneten an, Jim Chapman! Noch heute!"

Der junge Jim Chapman ist erst vor kurzem durch Nachwahl ins Repräsentantenhaus gekommen, ein konservativer Demokrat, Südstaatler, in der Frage der Contra-Hilfe eigentlich ein Mann des Präsidenten. Aber Chapman hat Skrupel und Zweifel, er zählt zu den noch "Offenen". Am Tage zuvor hatte auch Vizepräsident Bush angerufen. Dann wurde ein großes Plakat angeliefert: Daniel Ortega in bester Gesellschaft mit Muammar al-Ghaddafi. Dem Brief des Präsidenten des konservativen politischen Aktionskomitees (NCPAC) war ein Nagel beigelegt: "Ihre Nein-Stimme wird ein guter Sargnagel für Freiheit und Demokratie des nicaraguanischen Volkes sein", schrieb Komitee-Präsident John Dolan, und in der irrtümlichen Annahme, Chapman habe schon früher gegen Hilfe für die Contra gestimmt, fügte Dolan hinzu: "Korrigieren Sie Ihre Opposition!"

Da packte Chapman eine Schraube in das Antwortschreiben. Lakonisch – und leider nur unvollkommen übersetzbar – schrieb er zurück: "Wie das so oft bei der NCPAC geschieht, haben Sie die Sache mit einer Falschinformation ‚screwed up‘!"

Es geht hoch her in Washington. Wenn man das von den Republikanern aufgeführte Drama für bare Münze nähme, ginge es um nichts weniger als um Sein oder Nichtsein der Vereinigten Staaten, auf jeden Fall aber um das Urteil der Geschichte über die Präsidentschaft Reagans. Die konservative Washington Times dozierte in einem Leitartikel: "Jeder Präsident ist mit einer Sache konfrontiert, die seine Präsidentschaft bestimmt, zum Guten oder zum Schlechten, für die Geschichte und die Würde des amerikanischen Volkes. Ein solcher kritischer Tag kommt jetzt für Ronald Reagan: die Entscheidung im Kongreß über militärische und humanitäre Hilfe an die Kräfte, die dem marxistischen Regime in Nicaragua Widerstand leisten!" Die pathetischen Produkte der publizistischen Phalanx des Weißen Hauses ließen sich zu den Akten legen – wenn nicht der Präsident selbst die Entscheidung über die Contra-Hilfe als seine "geschichtliche Stunde" empfinden würde.