When wars begin, people often cheer. The sadness comes later.“ So ist der Anfang des Bilderbuches von Roberto Innocenti. Auf beängstigend realistische Manier zeigt er siegessichere deutsche Kleinstädter beim Aufbruch junger Wehrmachtssoldaten: aufgeregt ahnungslose Kinder, die begeistert Fähnchen schwenken, Hurra-Patriotismus von lachenden Pimpfen, Blasmusik, grellrote Hakenkreuzfahnen und einen Bürgermeister, der mit völkischen Parolen und Biedermannslarve die Vaterlandstreue blutjunger Soldaten beschwört.

Mobilmachung mit Tschingdera und Hurra. „Die Traurigkeit kommt später“: In fahlen mürben Farbtönen – Schlammgrün, trübes Braun, der internationalen Schmuddelfarbe des Militärs beschreibt Innocenti Stimmungsbilder einer deutschen Kleinstadt im Zweiten Weltkrieg. Endlose Konvois, Panzer, Lkws und Soldatentrupps ziehen an Backsteinmauern vorbei, auf die Hitlerparolen gepinselt sind. Innocenti fängt Tristesse, Banalität, den stumpfen Kriegsalltag in bedrückend genauem Realismus ein.

Hinter der Biedermann-Fassade eines properen Städtchens – sorgfältig ausgegrenzt, durch einen breiten Waldgürtel versteckt: das Grauen eines Todeslagers. Das Schulmädchen Rosa Weiss macht diese furchtbare Entdeckung durch einen Zufall. Als sie am Fluß entlangtrödelt, sieht sie ein flüchtendes Kind. In dessen unmittelbarer Nähe einen Lastwagen mit Panne. Rosa wird Zeuge, wie der kleine Junge brutal eingefangen und wieder im Lkw verladen wird. Wie ein entsprungenes Tier.

Voller Schrecken, Schock, auch Neugier folgt Rosa den Spuren der Lastwagen, bis sie das eingezäunte, abgeriegelte Todesareal findet. Hinter dem KZ-Zaun: stumm, unbeweglich, unwirklich wie Holzpuppen die Gefangenen in gestreiften Häftlingsanzügen. Erwachsene, Kinder. Rosa verschweigt ihr grauenhaftes Geheimnis. Bringt Brote, Marmelade, Äpfel, mühsam Gehamstertes. Verteilt es an die Kinder dieses KZs im Waldversteck. Über Tage und Wochen tut sie das. Rosas Mutter bleibt ahnungslos. Frühjahr: alliierte Soldaten nähern sich der Kleinstadt. Eine Stadt wie Lüneburg. „Deutschland siegt an allen Fronten.“ Vor der Kulisse der Gröfaz-Parolen – an Stadtmauern geschrieben – sammeln sich die Flüchtenden. Bonze Schröder, der Bürgermeister mit Durchhaltepathos, flieht als erster im vollbeladenen Auto. Ohne Uniform diesmal. Chaotisches Gewimmel, Pferdekarren, Ochsenwagen, kriegserschöpfte, ängstliche Menschen: Zivilisten, Kriegskrüppel, Soldaten, Kinder. Die Straßen sind zugestopft.

Ein letztes Mal rennt das Kind an den KZ-Zaun. Statt der Baracken und Sperrtafeln findet es nur noch Stacheldrahtreste, Balken, Trümmer. Spurenvernichtung. Mit feiger Sorgfalt haben die Folterbürokraten Beweise ihrer Greuel auszulöschen versucht. Rosa, das Kind mit den seltsam erwachsenen Gesichtszügen, am zerschnittenen Zaun. Im Dunst und Nebel eines frühen Abends tauchen dunkle Silhouetten auf. Soldaten, Schatten, Schüsse – Rosa, das Kind, in tödlicher Dämmerung, in der Feuerzone des letzten lokalen Gefechts. Rosa kehrt nie mehr zurück.

Innocentis letztes Bild: Da, wo Baracken, Todeszäune, Plätze für den „Appell“ und Transporte waren, da, wo geschlagen, gestochen, mißhandelt, gehenkt, ertränkt, erschossen und verbrannt wurde, wo jeder Zentimeter Boden mit Gewalt und Blut getränkt ist, wo Menschen erbarmungsloser als Tiere gehalten wurden, stehen Kirschbäumchen in Blüte, Birkengrün, Ackerwinden, Margeriten, Steinnelken, Mohn und Gras. Poetische Landschaft. „Häuft Berge von Leibern ... grabt sie ein und laßt mich arbeiten. Ich bin das Gras. Ich decke zu... Was war hier los? Wo sind wir hier? Ich bin das Gras. Laß mich arbeiten.“ Es fallen dem Betrachter Verse von Sandburg und die Anmut der Wälder, Wiesen und Weiler aus Claude Lanzmanns „Shoah“ ein.

Kann man die Greuel der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern überhaupt zum Gegenstand eines Kinderbuches machen? Kann man einem achtjährigen Kind den Horror eines buchhalterisch protokollierten Massenmordes an Millionen erklären wollen? Neben den sehr zahlreichen (keineswegs immer guten) Büchern für Jugendliche zum Thema hat es in den letzten Jahren mehr und mehr Literatur über Faschismus und Hitlerzeit gegeben, die sich ausdrücklich schon an Kinder wendet. Taugliche und untaugliche Texte, Authentisches, Erfundenes, Sentimentales, Hervorragendes, Mittelmaß, manchmal nur Gutgemeintes.