Bis vor kurzem wußte bei uns fast niemand, wer das ist: Friedrich Joseph Haass, geboren 1780 in Bad Münstereifel, gestorben 1853 in Moskau und dort auf dem „Deutschen Friedhof“ beigesetzt. Bei der Beerdigung des deutschen Arztes, den man in Moskau „Fjodor Petrowitsch“ nannte und der sich um Gefangene und nach Sibirien Deportierte (und ihre Angehörigen) größte Verdienste erworben hatte, waren 20 000 Moskowiter zugegen.

Als Lew Kopelew im vorigen Jahr eine Monographie über den Philanthropen deutscher Herkunft herausgab, wurde bei uns nicht nur eine sogenannte Bildungslücke, eine weit klaffende, geschlossen. Es handelte sich vor allem auch um einen jener heilsamen Versuche, zwischen zwei Nationen, der russischen und der deutschen, die bedrohliche Fremdheit abzubauen, die in „Feindbildern“ erschreckend gesteigert zutage tritt.

Kopelew, der seit ein paar Jahren in Köln sein ihm verhängtes, wenn auch nicht gerade unliebes „Zuhause“ hat (die sowjetische Staatsangehörigkeit wurde ihm zu seinem Kummer von Moskau aus entzogen), ist ein unermüdlicher Streiter für eine geistig fundierte und somit zugleich auch respektvolle Annäherung zwischen den Nationen. Er wird nicht müde zu wiederholen, daß wir nicht Nationen mit Staaten verwechseln dürfen, die oft das den Nationen Verhaßte tun. Im neuen Buch von –

Lew Kopelew: „Worte werden Brücken – Aufsätze/Vorträge/Gespräche 1980-1985,“ mit einem Beitrag von Marion Gräfin Dönhoff; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 1985; 256 S., 29,80 DM,

bewundern wir vor allem die Unermüdlichkeit, mit der Kopelew sein Ziel verfolgt, Ahnungslosigkeit und Voreingenommenheit zu vertreiben durch vielseitige Aufklärung. An der „Bergischen Universität“ in Wuppertal arbeitet der aus Kiew stammende, aus Moskau exilierte Germanist Kopelew zusammen mit anderen Forschern an einer Art Doppelantlitz: Ein Antlitz blickt von West nach Ost, das andere von Ost nach West. Es ist ein Januskopf. Erforscht wird, entnehmen wir dem neuen Buch, das Rußlandbild der Deutschen (erste Erwähnungen der Russen in deutschen Chroniken sind schon im neunten Jahrhundert zu finden) und das Deutschlandbild der Russen, beides vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

Geschichte wird hier nicht um der Geschichte willen betrieben, sie hat keinen musealen Charakter, die Forschung ist zielstrebig: Sie will helfen, die Gegenwart zu verstehen und mitzugestalten. In einem Geleitwort zu dem neuen Buch sagt Marion Gräfin Dönhoff über Lew Kopelew: „Für ihn sind Toleranz, Objektivität und Humanität immer die höchsten Werte gewesen – auch in der Zeit, in der er ein glühender Kommunist war.“

Die Objektivität verpflichtet den „Brükder Überprüfung des 19. und 20. Jahrhunderts nicht nur Persönlichkeiten zu rühmen, die ein enormes Interesse an Rußland und den Russen zeigten – wie zum Beispiel Rainer Maria Rilke, Ernst Barlach, Thomas Mann. Kopelew verweist unter anderem auch auf jene betrübliche Entwicklung, als 1848/49 „in Deutschland erstmals direkte Forderungen nach einem Nationalhaß gegen Russen gepredigt“ wurden. Marx und Engels „waren damals die größten Russenhasser in Deutschland: Sie und auch manche radikalen Demokraten glaubten, daß der Krieg gegen Russland der sicherste Weg zu einem einheitlichen deutschen Staat wäre.“ An diesem Punkt, wenigstens hier, möchte man nicht Marxist sein.

Kopelew ist in den letzten Jahren so etwas wie eine „Institution“ unseres öffentlichen Lebens geworden. Nicht nur dann,-wenn er im Fernsehen bei jeder Gelegenheit für seinen Freund Andrej Sacharow eine Lanze brach. Er ist in unserem Geistesleben längst heimisch geworden (die deutsche Sprache beherrschte er schon als Kind). Und doch ist er auch immer noch ein russischer Patriot, „das Land der Russen mit der Seele suchend“ ... Nach Moskau zu fahren, sagte er in einem in der neuen Schrift abgedruckten Gespräch mit Gertrud Höhler: „... das ist ein Glück, von dem ich heute noch nicht einmal zu träumen wage“. René Drommert