Er schafft in der Fabrik an der Werkbank, kommt abgeschafft heim, liest und liest sich den Kopf klar, ist endlich bei sich und gerät schreibend, sich mit Dichtern von einst verbrüdernd, außer sich: Walter Gröner, ansässig in Heubach am Trauf der Schwäbischen Alb.

Es gibt Bücher, nicht viele, an die ich mich erinnere, ohne sie schon gelesen zu haben. Auf sie habe ich gewartet. Nach ihnen habe ich, andere Bücher lesend, gesucht. Walter Gröners erstes Buch ist so eines –

Walter Gröner: „Fabrikler, Leser und Poet“, Elster Verlag, Bühl-Moos, 1985; 96 S., 28,–DM.

Beinahe jedes Gedicht, jedes Prosastück erzählt mir von Landschaften, Erfahrungen, Gegenständen, vor allem aber von Dichtern, die ich mag, mit denen ich umgehe. „Wie schade, daß Paul Boldt so lange schon gestorben ist!“ seufzt Gröner. Und ich mit. Denn ich wünschte mir, wie Gröner, ich wäre diesem lüsternen Kentaur unter den Poeten auf der Friedrichstraße in Berlin begegnet und wir hätten uns, Glück und Unglück herausfordernd, mit Versen unterhalten können: „Irgendwo vergeht Berlin.“

Oder Klabund oder Leopardi oder Ringelnatz oder Däubler. Gröner ruft sie auf, ruft sie zu sich. Sie stehen ihm bei. Ihre geisterhafte, an Sätzen reiche Gegenwart erfüllt ihn mit Stolz: „Wir sind Poeten. Ihr seid Barbaren.“ Ich könnte ihn umarmen für diesen ins Tal geschmetterten Satz.

Da streichelt einer nicht wehleidig sein Seelchen, bosselt nicht an Miniaturmythen – da ist einer fähig zu entdecken, sich hinzugeben und das, was er beredet und besingt, aus ganzer Seele zu lieben. Ein Unzeitgemäßer. Einer, der arglos aufbricht, immer neugierig und immer von seinen Dichtern begleitet. Dabei stolpert er über gewaltige Themen wie Vaterland und Nation und führt den Laberern auf den Amtshügeln vor, wie nötig ein gekonntes Stolpern dem Verstand ist: „...mit deutscher Nation sollten sie umspringen als einem wundersam wolkigen Luftfahrzeug, darinnen man sich niederläßt oder auch nicht, jedenfalls für keine Dauer; wann die Vision vorüber, bleibt die Schrift am Himmel, welche dir vertraut, Sprache.“

Er fängt sich rasch, der Stolperer. Dann spaziert er. Folgt Waiblinger auf den Testaccio, läßt sich nieder in einem Kaffeehaus in Padua, besucht Luzern, Berlin und Prag. Er baut die Städte um und macht sie sich bekannt, indem er sich, Zitate wie Steine wälzend, an sie erinnert. Und er trifft sie ja dort alle, deren lesender Gefährte er ist: Petrarca, Boethius, Georg Heym, Mörike, Rabbi Löw. Er liest sie auf, liest sie weiter, spricht sie um, spricht sie neu, baut ihnen aus ihren und aus seinen Sätzen Tempel, Hütten, Grotten – Zuflucht auf jeden Fall. „Großmächtige Herren, weltoffene Damen. Da liegt die Leier; ein Wind macht sie klingen.“ Ach Leute, Leser – hört hin!

Peter Härtling