Von Heinrich August Winkler

Ist das überhaupt noch ein Thema: „Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers“? J. Für viele gab und gibt es da nicht die geringsten Zweifel: Es war die Industrie, die erst mit ihrem Geld die Nationalsozialisten zur größten deutschen Partei machte und dann ihren ganzen Einfluß dazu benutzte, um Hitler das Amt des Reichskanzlers zuzuschanzen. Einer, der dieser Deutung seit langem widerspricht, ist der amerikanische Historiker Henry A. Turner von der Yale University. Jetzt hat er die Ergebnisse langjähriger Forschungsarbeit in einem Buch zusammengefaßt:

Henry A. Turner, Jr.: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers; aus dem Amerikanischen von H. Möller und M. Münkler; Siedler Verlag, Berlin 1985; 568 S., 58,– DM

Es ist nicht nur ein sehr lesbares, ja sogar spannendes Buch geworden, es ist auch das bisher gründlichste und umfassendste Werk zum Verhältnis von Industrie und Nationalsozialismus vor 1933. Vieles, was hierzu geschrieben worden ist, kann man fortan getrost als Makulatur beiseite legen. Denn allzu unbesehen haben manche Historiker, von den Pamphletisten ganz zu schweigen, zeitgenössische Behauptungen für bare Münze genommen. Wer wissen will, was Dichtung und was Wahrheit ist, kann es nun bei Turner nachlesen. Dieses Buch wird die wissenschaftliche Diskussion auf längere Zeit bestimmen. Daß es lebhafte Debatten auslöst, ist sicher. Dafür sorgen schon die scharf formulierten Kernthesen, von denen gleich noch die Rede sein wird.

Zu Turners wichtigsten Befunden gehört, daß Zeitgenossen wie Historiker die Rolle, die das „große Geld“ bei der Finanzierung der NSDAP spielte, gewaltig überschätzt haben. In erster Linie lebte die Partei Hitlers von den Beiträgen ihrer Mitglieder, in zweiter von Spenden aus dem gehobenen Bürgertum. Die Zahlungsmoral der Gefolgsleute muß ganz beträchtlich gewesen sein – eher sozialdemokratischen als bürgerlichen Vorstellungen von Parteidisziplin entsprechend. Unter den Förderern fallen seit der Frühzeit der „Bewegung“ selbständige Fabrikanten und nicht zuletzt deren Ehefrauen auf. (Ein besonders anschauliches Kapitel befaßt sich mit Hitlers Gönnerinnen in der Münchener haute volée, unter ihnen die Damen Helene Bechstein und Elsa Bruckmann.) Auch in der Zeit der Wirtschaftskrise seit 1929 waren es vor allem kleine und mittlere Unternehmer, die in hellen Scharen zu den Nationalsozialisten überliefen, während die meisten Großindustriellen zunächst in kühler Reserve verharrten.

Die meisten – aber nicht alle. Turner geht ausführlich auf Fritz Thyssen und Emil Kirdorf ein, die Hitler schon lange vor der großen Krise mit Geld unter die Arme griffen und in der rheinischwestfälischen Schwerindustrie Sympathiewerbung für ihn betrieben. Nachdem die NSDAP bei der Reichstagswahl vom September 1930 den Durchbruch zur Massenpartei geschafft hatte, stieg auch bei den Großunternehmern die Aufmerksamkeit für Hitler und seine Bewegung. Aufmerksamkeit heißt freilich noch nicht Förderung. Denn was die NSDAP und ihr Führer zu Fragen der Wirtschaftspolitik zu sagen hatten, klaflg nebulös, und nicht selten erweckten die Nationalsozialisten den Anschein, als wollten sie mit ihrem „Antikapitalismus“ nicht hinter Sozialdemokraten oder Kommunisten zurückstehen. Mißtrauen war daher angezeigt, und so unterstützte die Mehrheit der Großindustriellen lieber das Präsidialkabinett unter dem Zentrumspolitiker Heinrich Brüning als die „nationale Opposition“ unter Hitler und dem deutschnationalen Parteiführer Hugenberg.

Im Sommer 1931 aber begannen sich führende Schwerindustrielle von Brüning ab- und der „nationalen Opposition“ zuzuwenden. Daß der amtierende Reichskanzler von der parlamentarischen Unterstützung durch die SPD abhing und schon deswegen nicht alle Wünsche der „Wirtschaft“ erfüllen konnte, war der Hauptgrund des Kurswechsels. Dieser vollzog sich im übrigen nicht abrupt, wie Turner überzeugend belegen kann: Am Harzburger Treffen der „nationalen Opposition“ im Oktober 1931 waren die Schwerindustrie und die von ihr mittlerweile völlig abhängige Deutsche Volkspartei (entgegen den meisten historischen Darstellungen) nur in kleiner Besetzung vertreten.