Die Schweizer wollen weiter ihr Glück im stillen Winkel genießen. Mit überwältigender Mehrheit lehnten sie einen Beitritt zu den Vereinten Nationen ab.

Auch künftig wird sich die Schweiz mit dem Status eines Ständigen Beobachters bei der eines Generalversammlung in New York begnügen. In einer Volksabstimmung lehnten die Eidgenossen mit 75,7 Prozent der abgegebenen Stimmen eine Vorlage der Regierung ab, den Vereinten Nationen als Vollmitglied beizutreten. Leicht haben sich die Schweizer die Entscheidung nicht gemacht. Fünf Jahre haben sie über die Vorlage gestritten, die sie am Sonntag bei einer Stimmbeteiligung von 50,4 Prozent verwarfen – deutlich mehr als bei anderen Referenden.

In keinem der 26 Kantone fand sich eine Mehrheit für die Regierungsempfehlung, die von allen großen Parteien unterstützt wurde. Selbst in Genf, Sitz mehrerer UN-Sonderorganisationen und Tagungsort wichtiger internationaler Konferenzen, wurde die Vorlage mit 69,8 Prozent der Stimmen abgeschmettert.

Für die Mehrheit der Schweizer wiegen die Nachteile eines UN-Beitritts schwerer als die Aussicht auf ein größeres Mitspracherecht bei wichtigen außen- und handelspolitischen Entscheidungen. Ihr Land, so fürchten sie, könne sich als UN-Mitglied möglichen wirtschaftlichen oder auch militärischen Sanktionen gegen andere Staaten kaum entziehen. Dies aber gefährde das unantastbare Prinzip der "immerwährenden Neutralität", dem es die Eidgenossenschaft verdanken, in der Vergangenheit nicht in kriegerische Auseinandersetzungen hineingezogen zu sein. Allein die strikte Wahrung der Neutralität erlaube es der Schweiz, auch künftig in Krisen den Konfliktparteien ihre "guten Dienste" anzubieten.

Die Schweiz bleibt somit ein "Sonderfall": Weltoffene Handelsnation auf der einen, politisch selbstgenügsamer Kleinstaat auf der anderen Seite. Für die meisten Bürger ist dies kein Widerspruch, auch wenn die Neue Zürcher Zeitung vor der Volksabstimmung in einem Leitartikel mahnte: "Unser Land, das in seiner Existenz weltweit verflochten ist, wie kaum ein anderes, sollte sich vom ‚Dorfplatz der Welt‘ nicht aus Eigenbrötelei ausschließen."

Doch drei Viertel der Schweizer ziehen die Isolation vor, in der die Alpenrepublik ihren Wohlstand bisher so trefflich mehrte. Sie wollen ihre Souveränität nicht durch die Teilnahme an dem "grundsatzlosen und opportunistischen Politzirkus" beschneiden lassen, als den die Gegner des UN-Beitritts die Vollversammlung erfolgreich schmähten.

Ihren Sitz in der Unicef, der Unesco und der Weltgesundheitsorganisation wird die Schweiz behalten. Sie wird sich auch weiter an den Friedensmissionen der Vereinten Nationen im Nahen Osten und auf Zypern finanziell beteiligen. Doch politisch wird sie auch künftig Enthaltsamkeit üben. Die Ironie der direkten Demokratie will, daß es das Volk seiner Regierung verwehrt, in der Gemeinschaft der Völker die Verantwortung zu übernehmen, die diese sich wünscht.

Matthias Naß