Von Sibylle Zehle

Als der Kollege vom Observer dem neuen Direktor des königlichen Opernhauses Covent Garden gegenüber saß, hat es ihn wohl ziemlich erwischt. Eva Wagner schien ihm absurdly young for an opera director ihre Augen, notierte er penibel, seien bitte and intensive, die Lider leicht hängend an den Außenseiten: Wagner eyes! – Dann muß sein Blick weitergewandert sein. Lederhosen trage sie, glänzend schwarz, und nun war kein Halten mehr: Dieser Operndirektor, teilte der Observer seinen Lesern mit, sei spielend leicht zu verwechseln mit einem star of a modish French film.

Daß einem Mann von der Insel für eine attraktive Deutsche als höchstes Kompliment französische Filme einfallen, ist ja nicht ohne Reiz, und Eva Wagner, darauf angesprochen, freut sich darüber nachträglich mit einem so kräftigen Lachen, daß die Kellner im Frühstücksraum des Hamburger „Vier Jahreszeiten“ etwas irritiert zum Tisch herüberschauen. Eva hat gut lachen, ihre Presse in England ist exzellent.

„Meine Ernennung, glaub’ ich, war schon eine ziemliche Überraschung“, erinnert sie sich. „Erstens was Deutsches und zweitens auch noch eine Frau.“

Die Stelle war 1984 in der Times ausgeschrieben. Bewirbt man sich als Ururenkelin von Franz Liszt und Urenkelin Richard Wagners mit Lichtbild und Lebenslauf? Oder wurde sie nach England gerufen, gebeten, gelobt – auf die Insel der Wagnerianer und Musik-Enthusiasten? „Wo denken Sie hin“, sagt Eva ziemlich schroff, „ich habe mich ganz normal beworben. Zwanzig Kandidaten waren wir insgesamt.“

Gute Worte legten Solti und Friedrich für sie ein. Hilfe von Vater Wolfgang gab es nicht. Leute, die sich auskennen im Clan, sind schon froh, daß der Bayreuther Festspielleiter nichts gegen die Ernennung seiner Tochter unternahm. Denn die Ungeheuerlichkeit Wagnerscher Bühnenwerke inszenieren die Nachfahren für sich selbst. Da wird verstoßen, verflucht, verraten und verlassen, geschieden, geschmäht und mit dem Kadi gedroht.

Familienbande. Da guckt man besser weg. Im Gespräch mit Eva Wagner bleibt vom Festspieltratsch, der im Sommer mitunter die langen Pausen auf dem Grünen Hügel füllt, eine verzweifelt verfahrene Vater-Tochter-Beziehung übrig, über die man nichts sagen, nichts schreiben möchte, weil man befürchtet, die Parteien könnten sich wohlmöglich noch mehr voneinander entfernen. Aber Eva Wagner sagt ungefragt: „Ich habe meinen Vater seit 1975 nicht mehr gesehen.“ Ihr Gesicht wirkt angestrengt. „Er kennt nicht mal meinen Sohn.“