Von Hans Otto Eglau

Es fällt schwer, sich die deutsche Wirtschaftslandschaft ohne Heinz Nixdorf vorzustellen. Er war die Leitfigur all jener, die den Traum einer Unternehmerkarriere aus eigener Kraft verwirklichten und das Wagnis der Existenzgründung auf sich nahmen. Sein Name allein erzielte Wirkung, wenn es dem abwegigen Gerede von der Eurosklerose zu begegnen galt. Wenn in den Jahren der Rezession die etablierten Konzerne Zehntausende Beschäftigte „freisetzten“, gab es doch immerhin noch Nixdorf, der neue Leute einstellte.

Die Geschichte seines legendären Aufstiegs vom nahezu mittellosen Physiker und Betriebswirt, der sich 1952 mit 27 Jahren in einer Essener Kellerwerkstatt an den Bau von Computern machte, zum Chef und Inhaber eines weltweit tätigen Elektronikkonzerns mit knapp vier Milliarden Mark Umsatz, ist oft erzählt worden. Heinz Nixdorf selbst hat, lange nachdem er den Durchbruch geschafft hatte, immer wieder daran erinnert, daß es in der Frühphase seines Unternehmens durchaus auch kritische Augenblicke gegeben habe. Mit einer über drei Jahrzehnte hinweg ungebrochenen Aufwärtsentwicklung, während der jährliche Zuwachsraten unter zwanzig Prozent die absolute Ausnahme waren, hat er alle übrigen deutschen Nachkriegsunternehmen weit hinter sich gelassen.

An Heinz Nixdorf bewahrheitete sich einmal mehr die Erfahrung, daß wirklich große Unternehmen in erster Linie durch neue, zukunftsweisende Ideen heranwachsen. Für den Sohn eines in den Kriegswirren umgekommenen Bahnarbeiters aus Paderborn war dies die Vision des heraufziehenden Computerzeitalters und der unbeirrbare Glaube an die Dezentralisierung in allen Anwendungsbereichen elektronischer Datenverarbeitung. Nixdorfs frühe Antwort auf diese Entwicklung waren handliche, nach dem Baukastenprinzip klar und logisch konstruierte Kleinrechner. Aus seiner Grundüberzeugung, mit diesem Konzept in einen praktisch unbegrenzten Markt vorstoßen zu können, schöpfte er den Mut, sich und seinen 23 000 Beschäftigten stets von neuem optimistische Wachstumsziele zu setzen.

Zu diesem Gespür für den richtigen Weg kam bei Heinz Nixdorf eine in diesem Ausmaß seltene Verbindung aus technischer Begabung und Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse der Kunden hinzu. Wenn der Selfmademan mit der hohen Stirn und der dunklen Hornbrille Besucher durch sein Werk führte und irgendwo einen halbfertigen Computer in die Hand nahm, dann vor allem, um dessen Vorzüge für den Benutzer zu demonstrieren. Einem kleinen Kreis von Industriellen, dem er Rede und Antwort stand, vertraute er erst kürzlich an, daß er noch regelmäßig Abnehmer besuche. Als ihn am Montagabend auf der Hannover-Messe, seiner alljährlichen Schaubühne, der Herztod ereilte, war er gerade wieder einmal mit Kunden zusammen.

Zu Nixdorfs Ruhm hat fraglos beigetragen, daß er sich als einzelner ausgerechnet auf einem Markt durchsetzte, auf dem die Europäer gegenüber ihren amerikanischen und japanischen Konkurrenten mehr Niederlagen als Erfolge aufzuweisen haben. Daß er praktisch aus dem Nichts, zudem gegen die konzentrierte Phalanx der Branche etablierter Großkonzerne, in die Spitzengruppe der Branche vorstieß, straft den vielerorts immer noch zu hörenden Irrglauben Lügen, daß allein die Riesen für das weltweite Computergeschäft ausreichend gewappnet seien.

Heinz Nixdorf war ein im modernen Sinn konservativer Mann. Die Bezeichnung „Patriarch“ lehnte er, auf seine Person bezogen, entschieden ab; sie entspreche nicht seinem Alter. Daß er, der sich bis zuletzt das Vorstandsressort Produktion selbst vorbehalten hatte, gleichwohl dieser Prägung war, dürfte außer Frage stehen. Dafür war sein Verhältnis zu den Mitarbeitern vor allem in der Fertigung zu eng. Wenn das Unternehmen trotz zunehmender Größe bislang nicht an Dynamik eingebüßt hat, dann sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil es sich die für mittelständische Familienfirmen prägenden Eigenschaften wie Flexibilität, kurze Wege zwischen Führung von Belegschaft und entsprechend hohe Motivation der Mitarbeiter erhalten hat.