Die südafrikanische Regierung bekommt ungewohnt rauhe Kritik aus Washington zu hören. An der Repression im Inneren hält Pretoria trotzdem fest.

Chester A. Crocker, Unterstaatssekretär für Afrika im amerikanischen Außenministerium, wurde von einem Ausschuß des Washingtoner Repräsentantenhauses einvernommen. Ob die amerikanische Regierung für Südafrika ein System der Mehrheitsherrschaft mit Minderheitenschutz befürworte, wollte der demokratische Abgeordnete Howard Wölpe wissen. „Ich glaube, das ergibt sich aus allem, was wir gesagt haben“, antwortete Crocker – und weil sich das klare Bekenntnis zur Herrschaft der Mehrheit am Kap keineswegs aus früheren Verlautbarungen der Administration ergibt, machte die dürre Aussage des Afrika-Experten Schlagzeilen. Crocker hat die bisherige Südafrikapolitik der Reagan-Administration nicht nur ausgeführt, sondern auch die Theorie und das Schlagwort für Washingtons vorsichtiges Lavieren gegenüber Pretoria erfunden: „Konstruktives Engagement“ in Südafrika hatte Crocker schon 1980 in einem Zeitungsaufsatz gefordert – keine moralisierende Politik im Sinne des damaligen Präsidenten Jimmy Carter, sondern einen pragmatischen Kurs, der Südafrika zur innenpolitischen Reform und zum Arrangement mit seinen Nachbarstaaten verhelfen sollte. Erstes Ziel dieser Politik war, Südafrika als starken Verbündeten Amerikas zu erhalten. Mit der militanten schwarzen Opposition hatte Crocker wenig im Sinn.

Nun scheint der Unterstaatssekretär einen neuen Kurs zu beziehen. Die Guerillas des „African National Congress“ nannte er vor dem überraschten Kongreß-Ausschuß „Freiheitskämpfer im eigentlichen Sinn“, ein Lob, das Reagans Beamte sonst den antikommunistischen Kämpfern in Afghanistan, Angola und Nicaragua vorbehalten.

Andere Vertreter der Regierung versuchten den Eindruck der Äußerungen Crockers abzuschwächen. Reagans Sprecher Larry Speakes versicherte, das Weiße Haus mißbillige die Mittel, mit denen der ANC für seine Ziele kämpfe; das State Department erinnerte daran, daß auch die einstige UN-Botschafterin Jeane Kirkpatrick einmal die Herrschaft der Mehrheit für Südafrika gefordert habe. Für die Südafrikaner mußte die Botschaft aus Washington jedoch vor allem darum unüberhörbar sein, weil der Urheber der für sie so angenehmen Politik des „konstruktiven Engagements“ die neuen Töne anschlug.

Unverblümt hatte Crocker auch einzelne Maßnahmen der Regierung Botha verurteilt. „Eine Schande“ sei es, daß Südafrikas Regierung einerseits den Schwarzen des Landes Verhandlungen anbiete, gleichzeitig aber gemäßigte schwarze Nationalisten mit dem Bann belege. Wenige Tage zuvor hatte die Regierung zwei Führern der Oppositionsbewegung „United Democratic Front“ für die nächsten fünf Jahre verboten, ihre Arbeitsplätze und Wohnorte zu verlassen. HJG