Yvan Golls Roman „Sodom Berlin“

Von peter von Becker Deutschland, ein Wintermärchen. Wir lesen: „Berlin, Stadt des Nordens, Todesstadt, wo vereiste Fenster starren wie der Tod – kranke Augen, wo rissige Steine sich häufen, wo der Boden klafft wie der Wöchnerinnen Schoß. Stadt eisigen Wahns, ... Zementener Kopf, ... Rekrutenkopf, der bartlos und schwindsüchtig einen Attilaschnurrbart in sein Milchgesicht klebte. Tiefe Stirne, dreifach gezeichnet von des Hungers Egge und gekrönt mit aus Kartoffelblüten geflochtenem Kranz!... Land, ... wo die Blauen Blumen stinkende Gase in ihren Stempeln produzieren. Land der Ulanen und Denker! Land des göttlichen Hölderlin, der sich im Wahn die Adern öffnete, um einen Rosenstock zu begießen, Land des Schlächters Haarmann, der das Blut seiner blonden Liebesjünglinge trank, dort wo der Hals am zartesten ist.“

Oder das: „Alle Deutschen erwarten, daß einmal in ihrem Leben eine hochmütige und grausame Femme fatale ihren Weg kreuzt, die Nietzsches Reitpeitsche liebt und verdient.“ Wirklich?

Ein Roman und darin eine essayistische, phantastische Revue, Pamphlet und Poesie, Lügenlyrik und prosaische Wahrheitsdichtung, ein Buch auch über Deutschland und die Hauptstadt Berlin im Zwischenreich der ersten Republik: „Berlin, bleiche Stadt... In Angstnächten plagt sie eine Vision: Rosa Luxemburg, ihr weißes Gesicht blüht auf dem Eis des Landwehrkanals, eine tragische Seerose. Der Schatten Liebknechts flieht, auf ewig gejagt, hinter des Tiergartens schwarzes Gebüsch, wo die wilden Augen seiner Mörder leuchten.“

Das ist ein heißkaltes Buch, in dem der vielbeschworene Tanz auf dem Vulkan der Berliner zwanziger Jahre als ein grotesker Reigen auf dem Eisberg vor Augen tritt. Der Autor heißt Yvan Goll. Und soweit Goll nicht fortlebt als Dichter der Liebe in den sarkastisch genialischen Erinnerungen seiner ihn bis 1977, um 27 Jahre, überlebenden Ehefrau Claire, jener Muse und Künstlerwitwe von Alma Mahlerschem Format, soweit existiert Yvan Goll bis in die Literaturgeschichten hinein nur noch als bedeutender Lyriker und sporadischer Dramatiker, Autor des frühabsurden Stücks vom „Ewigen Bürger“, dem Schuhwaren-Tycoon und Gulaschliebhaber namens „Methusalem“. Über den Kultur-Journalisten Goll erfährt man immerhin etwas in dem 1983 bei Metzler verlegten Band „Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918 – 1933“ (Herausgeber Anton Kaes). Doch sonst ist Goll „als Prosa-Autor vollkommen vergessen“ – so schreibt und belegt das Karsten Witte in seinem klugen Nachwort zu Golls Buch „Sodom Berlin“.

Der Roman erschien 1929 in Paris und kann erst jetzt, nach einem Menschenalter, auch auf deutsch gelesen werden in einer vorzüglichen Übersetzung von Hans Thill, die der Berliner Rotbuch Verlag mitsamt einigen Zeichnungen von Goll, Beckmann, Chagall und George Grosz in einer unaufwendig schönen Ausgabe vorgelegt hat. Protagonist des Eis-Tanzes durch rund fünfzehn Jahre, bis 1928, ist das Phantom eines Ewigen Deutschen, genannt Odemar Müller. Erdacht wurde diese Figur zuvörderst für Golls französische Leser: Odemar, der Große Boche, blond, blauäugig, Oberförstersohn, Corpsstudent mit Schmitt und Wagnerianer in Bonn am sehr deutschen Rhein, Reaktionär und Romantiker, Soldat und nach dem Ersten Weltkrieg Freigeist mit Ehrgeiz in Berlin, Mystischem und Politischem je nach Witterungslage aufgeschlossen, im Dezember 1918 beim Spartakusaufstand auf kuriose Weise Mitglied im revolutionären Schattenkabinett, ein Salonbolschewist, Frauenfänger und Sektenguru, in brotloser bodenloser Zeit ein Kopf der schieren Ideenspekulation, Inflationsgewinnler und Weltflüchtiger, ein Peer Gynt im Westentaschenformat, kurzum: ein Fäustling des deutschen Nordens.

Einmal gerät dieser Müller ohne Eigenschaften, mit allen inneren Ölungen zum grenzüberschreitenden, karriereschlüpfigen Fortkommen versehen, auch nach Paris. Gleich nach der Blutente im „Tour d’Argent“ begeben sich Odemar und Irmelinde, sein für Geld und gute Worte in jeder Lebenslage empfängliches Berliner Verhältnis, ins erste Bordell am Platze. Und dort erfahren die beiden Reisenden, was nun wirklich französische Herzensbildung heißt: Demoiselle Denise, ein Generalstöchterchen, plaudert vor der Hauptsache ein bißchen über Marcel Proust, in welchem sie so trefflich den „letzten Historiker der französischen Bourgeoisie“ erkennt. Allons!