Von Jochen Steinmayr

Wie kann man einen Chirurgen daran hindern, unter wissenschaftlichen Beteuerungen seinen Patienten zu Tode zu schinden? In Berlin jedenfalls wurde der Ruf nach dem Gesetzgeber laut, nachdem dort unter chaotischen Umständen das erste deutsche Kunstherz eingesetzt worden war – und der Patient nach einer anschließenden Herztransplantation starb. Eine heillose Allianz zwischen Medizinern und sensationslüsternen Boulevardblättern hat den schlimmen Fall noch weiter pervertiert. Von der Heroisierung des Chirurgen bis zum „Kreuzigt ihn“ wurde eine medizinische Tragödie nacherzählt, bis zur allerletzten Schlagzeile in der Bild-Zeitung: „So schrecklich starb der Herzpatient.“

Der Berliner Skandal beleuchtet grell das ethische Dilemma, in das die ärztliche Wissenschaft durch ihre Errungenschaften geriet – wenngleich dieser „Krimi“ (so sprach der Hauptakteur selbst) eher ins Mabuse-Kino gehört. Denn in Berlin ist einem ehrgeizigen Chirurgen mehr unterlaufen als eine begreifliche operative Panne:

  • Wenn bei einem todkranken Patienten eine Blutader-Überbrückung (By-pass) scheitert, so gibt es bis jetzt kein überzeugendes Beispiel dafür, daß ein Kunstherz Rettung bringen kann; viel eher empfehlen sich stützende Pumpen, die außerhalb des Körpers angebracht werden und die in jeder großen Herzchirurgie bereitliegen.
  • Überdies mißlangen alle bisherigen Herztransplantationen, wenn kurz zuvor überstürzt ein Kunstherz zur Überbrückung eingesetzt worden war und sich der Organismus des Patienten noch nicht hinreichend stabileren konnte.

Warum nur hatte der Berliner Professor Bücherl solche Eile, gleich beide Risiken in schneller Folge einzugehen? Und warum hat er zur ersten Erprobung dieses mit Hilfe von Steuermillionen entwickelten Apparates am Menschen einen von vornherein todgeweihten Mann ausgewählt? Sollen durch diesen Ablauf am Ende die überengagierten Tierschützer recht behalten mit ihrer Befürchtung, die Forscher könnten schließlich nach allen Experimenten nicht mehr unterscheiden, ob sie Mensch oder Maus unter dem Messer haben?

Noch weniger ist zu verstehen, daß der seit 30 Jahren störrisch auf die Kunstherz-Technik fixierte Chirurg Bücherl gleich nach dem Einsetzen das Konzept wechselte: Kaum daß der Apparat sich bewähren konnte, verlegte der Operateur sich auf die Verpflanzung eines hastig herbeigeschafften Spenderherzens, obwohl er nicht einen einzigen Erfolg bei diesem inzwischen in vielen Kliniken zur Routine gewordenen Eingriff vorzuweisen hat. Was aber die Kunstherzen angeht, so mußte der Professor doch wissen, wie problematisch diese Technik von der Fachwelt beurteilt wird. Nur zwei Patienten haben in Amerika mit Kunstherzen überlebt. Von ihnen wird berichtet, ihr Zustand sei entsetzlich und menschenunwürdig. Ebenfalls unterstellt, der Berliner Chirurg habe sich für seine Premiere einen „hoffnungslosen Fall“ ausgesucht, so müßte ihm doch durch den Kopf gegangen sein, daß das Recht die Menschenwürde auch und gerade im Sterben schützt

So aber – und hier kommt die Ethik mit allem Nachdruck ins blutige Spiel – muß sich der Pionier aus dem abbruchreifen Charlottenburger Klinikum von Politikern „krankhaften Ehrgeiz auf Kosten der Menschenwürde eines Patienten“ vorwerfen lassen. Bald wird in Berlin ein „Deutsches Herzzentrum“ eröffnet. Wollte der glücklose Bücherl dessen in 60 Transplantationen erprobtem, aus Hannover berufenem Chef – wie man in Berlin vermutet – die Show stehlen?