Nicht alles läßt sich auf die knackige Kurzform einer Agenturmeldung bringen. Nehmen wir die Gesamtschule. Kürzlich will man wissenschaftlich bewiesen haben, daß sie dem traditionellen Schulsystem mit seinen getrennt marschierenden Haupt-, Realschulen und Gymnasien nicht das Wasser reichen kann. Der Beweis kommt aus Baden-Württemberg, aus dem Bundesland, das bekanntermaßen von Gesamtschulen nichts hält und sich konsequenterweise nur sechs davon (als Modellversuch) anschaffte. Von denen haben inzwischen drei ihren Geist aufgegeben. Die ehemals sechs Schulen haben Freiburger Erziehungswissenschaftler mehrere Jahre lang mit „normalen“ Schulen verglichen und dabei 10 000 Kinder in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Geschichte/Gemeinschaftskunde getestet. Mit schwankenden Ergebnissen in den unterschiedlichen Jahrgängen, doch insgesamt mit einem Plus für die Traditionsschule. Soweit, so gut – doch, würde uns der auf Klarheit bestehende Statistiker ermahnen, gilt das nur für diese Population, für diese Kinder dieser Jahrgänge und dieser Schulen. Und nur da, wo es um abfragbares Wissen geht, ist hinzuzufügen. Holprig wird es nämlich, wenn sich Tester in einen Bereich vorwagen, dessen Werte nicht so leicht abgelesen werden können – persönliche und soziale Tugenden zum Beispiel, die die Gesamtschulpädagogen besonders fördern wollten. Daß sie auch nicht besser entwickelt sein sollen als bei anderen Kindern, kann man sich zwar vorstellen, aber: Wie mißt man etwas, was sich nicht einfach erfragen läßt, vielleicht erst später entfaltet?

Eine heikle Frage, die die Freiburger mit einer weisen Formel beantworteten: Hier gebe es keine „grundsätzliche Überlegenheit“ der einen oder anderen Richtung. Treffender: Das läßt sich nicht belegen. Auch die Gesamtschulbewegung ist uns hierfür den Beweis immer noch schuldig geblieben – sie kann höchstens hoffen, daß unter ihren pädagogischen Fittichen besonders humane Wesen heranwachsen. Mit Wissenschaft läßt sich viel, aber nicht alles beweisen. Da klingt es herzerfrischend plausibel, was die „Projektgruppe Gesamtschule“ nach fünfjähriger Auswertung der bundesweiten Modellversuche schon vor Jahren konstatierte: Weder für die prinzipielle Überlegenheit noch für die prinzipielle Unterlegenheit der Gesamtschule habe man Beweise. Wie überall gebe es auch hier gute und schlechte Schulen mit guten und schlechten Lehrern. Dorothea Hilgenberg