Lapidar hatte der 1947 nach Amerika ausgewanderte Schweizer Robert Frank die Bilder einer langen Reise „Die Amerikaner“ genannt. Das Buch, 1958 in Paris erschienen, war in kürzester Zeit Legende. Thomas Höpker, selbst Photoreporter, schrieb von einem „grimmigen Bildband“, der ihn vor seiner ersten Amerikareise nur weiter bestärkte „in europäischer Arroganz und tiefer Verachtung für die Unkultur eines uns ganz fremden Landes, das wir ... einige Jahre später sehr lieben würden“.

Bedenkt man die Zeit damals, wird alles etwas verständlicher. Nach dem Krieg war ja Amerika zuerst einmal der große Traum gewesen, propagiert wie ein erstrebenswertes Produkt, glatt und fehlerlos. Doch je mehr der Krieg vergessen erschien, je fester europäische Gehversuche wieder wurden, um so stumpfer war für viele die Farbe am Bild vom allzu hochgelobten Land. Kein Zufall auch, daß dieses für grimmig befundene Buch zuerst in Paris erschien. Schließlich waren aus Frankreich die ersten spöttischen Reaktionen auf die „Befreier“ gekommen...

Aber was hatte Robert Frank getan, wie diese Wirkung erreicht? Die Antwort ist einfach: Er hatte es als einer der ersten anders gemacht als alle anderen. Statt der gelackten Schuhe hatte er in Amerika den Staub unter den Schuhsohlen abgebildet. Er war, gelöst von sich selbst wiederholenden Sehschemata, radikal subjektiv seinen Augen mit dem Photoapparat gefolgt. Daß sich das einer getraut hatte, das war die Sensation. Was es in der Literatur schon länger gab, hatte er mit seinen Photographien erreicht: Realistisch zu sein mit subjektivem Zungenschlag.

Frank hatte einen „Klassiker“ geschaffen. Und also hatte er auch viele Nachahmer. Inzwischen ist viel Zeit vergangen, erst in diesem Frühjahr erschien eine Ausgabe in deutscher Sprache. Eine Legende ist nachprüfbar als Reprint. Und was ist zu bemerken? Wieder liegt ja so ein Anti-Amerika-Grummein in der Luft, aber jetzt gibt es auch Stimmen (siehe Höpker), die von Amerika als einem geliebten Land sprechen. Bleibt eigentlich nur zu folgern, daß es wohl weniger an Amerika als an den Hassenden oder Liebenden selbst liegen muß, wenn sie mal alles ganz schrecklich und mal wieder umgekehrt empfinden. Mindestens dem aufmerksamen Buchleser, der die Bilder zusammen betrachtet mit dem Vorwort von Jack Kerovac, wird das Vorurteil schwergemacht. Kerovac sagt von Frank, daß er „aus Amerika ein trauriges Gedicht gesogen und auf Film gebannt... und damit einen Platz unter den tragischen Dichtern der Welt errungen hat“.

Aber könnte man heute sagen: „Europa, du hast es besser?“ Wer das bejaht, darf weiterschimpfen – bis nächstens zum Widerruf.

Norbert Denkel