Von Willi Jasper

Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" lautete der Titel eines Films, den die deutsche Wochenschau im Herbst 1944 einem breiteren Publikum präsentierte. Die Szenen beschrieben ein hübsches kleines Städtchen, in dem sich fröhliche Kinder auf Spielplätzen tummelten, sich Menschen auf Parkbänken zum Schwätzchen trafen; man sah Sportveranstaltungen, fleißige Handwerker in Werkstätten, ein gemütliches Beisammensein im "Kaffeehaus", begleitet von den lustigen Klängen einer Tanzkapelle, Theater- und Opernaufführungen. Musik spielte eine besondere Rolle.

Musik spielte auch, als der Lagerkommandant von Theresienstadt – dieses Konzentrationslager war nämlich der Schauplatz des Films – freundlich einen Transport jüdischer Familien aus Holland und Belgien begrüßte. Das letzte Bild, das von dem jüdischen Maler Felix Nussbaum erhalten ist, bevor er in das belgische Lager Westerborg geschleppt wurde, trägt wie in böser Vorausahnung den Titel "Die Gerippe spielen zum Tanz"/Mit Pauken und Trompeten begleitet eine Totenband den Untergang der Zivilisation. Dieses Bild wurde als Coverillustration eines Buches gewählt, das zum ersten Mal eine Reihe von Gedichten, Liedern und Kabarett-Texten vorstellt, die in Theresienstadt verfaßt und dort in den Jahren 1942-1944 bei Aufführungen im Rahmen der sogenannten "Freizeitgestaltung" vorgetragen wurden.

In einem ausführlichen Vorwort beschreibt die Herausgeberin "das zynische Privileg der Theresienstädter Künstler, bis zu ihrer Ermordung nicht nur zur Unterhaltung ihrer Leidensgenossen beitragen zu dürfen, sondern auch als Statisten in einem großangelegten Täuschungsmanöver mitwirken zu müssen".

Ulrike Migdal (Hrsg.): Und die Musik spielt dazu. Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt; Piper Verlag, München 1986; 183 S., 12,80 DM.

Vor den Augen internationaler Kommissionen ließ die SS einen wahren Künstlerzirkus auffahren. Musiker, Schauspieler und Literaten hatten sich dem Publikum "wie dressierte Tiere zu präsentieren". Anlaß für den eingangs geschilderten Film war die "Präsentation" im Sommer 1944 vor einer Besucherkommission des Internationalen Roten Kreuzes. Eine Sängerin, die vom Dezember 1941 bis Mitte 1945 in Theresienstadt war, beschreibt in ihrer Erinnerung die Vorbereitungen: "... Da sie eine Kommission erwarteten, ordneten sie an, daß Opern in tadelloser Ausstattung mit Kostümen und Perücken aufgeführt werden sollten, kurz, daß man wirkliches Theater spielen sollte... So erschien Theresienstadt eigentlich Sommer 1944 als vollkommenes Eldorado in Europa, wo keine Anflüge waren, kein Kriegsschauplatz, nichts als Zeitvertreib, scheinbar drohte keine Gefahr. Und die löbliche Kommission kam und staunte sichtlich."

Bereits im Umfeld der Wannseekonferenz – im Januar 1942 – entstand der Plan, mit Theresienstadt ein Lager zu errichten, das dem NS-Regime laut Eichmann Gelegenheit gab, "nach außen das Gesicht zu wahren". Diese Pläne waren Ausdruck der Besorgnis, das Verschwinden prominenter Juden in den Vernichtungslagern könnte unvorhergesehene Reaktionen provozieren. Man befürchtete für das Programm der sogenannten "Endlösung" hinderliche Interventionen von ausländischer Seite. So entstand die Idee, die jüdische Prominenz in Theresienstadt, solange es aus diplomatischen Gründen opportun erschien, für alle Welt vorzeigbar zu halten.