Seit Ende des vorigen Jahrhunderts sind Amerikas Börsianer gewöhnt, Wall Streets Stimmung am Dow Jones-Index abzulesen. Das Studium dieses aus dreißig Spitzenaktien errechneten Index’ machte ihnen gerade in den vergangenen Wochen und Monaten viel Freude: Allein seit September 1985 hat der Dow Jones rund 450 Punkte und damit über ein Drittel zugelegt. Seit Jahresbeginn kletterten – im Gegensatz zu 1985 – New Yorks Kurse erheblich schneller als die Notierungen an den Düsseldorfer und Frankfurter Maklertafeln. Die deutsche Börse mußte nämlich von Mitte Januar bis Mitte Februar eine kräftige Abwärtskorrektur hinnehmen.

Treibstoff für die amerikanische Börsenrakete waren die kräftig sinkenden Zinsen. Noch vor einem halben Jahr wurden für dreißigjährige Staatsanleihen 10,6 Prozent Zinsen gezahlt, mittlerweile sind es nicht einmal mehr acht Prozent. So niedrige Sätze gab es in Wall Street seit den siebziger Jahren nicht mehr. Wo Zinsen fallen, sind auch steigende Aktienkurse nicht weit weg – die alte Börsenregel bestätigte sich auch dieses Mal.

Obwohl die amerikanische Konjunktur noch alles andere als erfreuliche Daten liefert, wechselten selbst gestandene Pessimisten ins Lager der Zuversichtlichen über. Wenn die Ölpreise und Zinsen fallen, so ihre Rechnung, sind die jetzt veröffentlichten schlechten Konjunkturzahlen schon in ein paar Monaten vergessen.

Ein solider Konjunkturaufschwung mit steigenden Unternehmensgewinnen wäre das Tüpfelchen auf dem i, das Wall Street noch zu seinem Glück fehlt. Die Inflation spielt im Augenblick keine Rolle mehr, sie ist nicht allzuweit von den niedrigsten Sätzen der vergangenen zwei Jahrzehnte entfernt. Folglich kann Notenbankchef Paul Volcker seine gemäßigte expansive Geldpolitik fortsetzen und den Zinsrutsch wohlwollend begleiten.

Bei so hoffnungsvollen Aussichten verspüren die 47 Millionen amerikanischen Aktionäre Lust, wieder kräftiger auf Aktien zu setzen. Allen voran marschieren die Großanleger wie Investmentfonds, Pensionskassen und die von Banken verwalteten Vermögen. Alle zusammen aber stellen überrascht fest, daß die Aktien so reichlich gar nicht vorhanden sind. Allein in den beiden zurückliegenden Jahren sind durch Aufkäufe, Übernahmen und Rückkäufe eigener Papiere durch die Unternehmen Aktien im Wert von 150 Milliarden Dollar vom Markt verschwunden, selbst wenn man die inzwischen durchgeführten Kapitalerhöhungen berücksichtigt.

Weil sich an dem Szenario – weniger Aktien am Markt, wachsendes Anlegerinteresse – so schnell auch nichts ändern wird, sind die Aussichten für eine weitere Hausse in Wall Street recht gut. Das gilt allerdings nicht zwangsläufig auch für die nächsten Wochen. Da scheint es eher, daß erst einmal eine Pause im Höhenflug angebracht ist. Zu hektisch wird derzeit gekauft, zu viele Optimisten setzen auf steigende Notierungen, als daß nicht irgendeine kleine Enttäuschung die Börse aus der Bahn werfen müßte. Wenn die Kurse dann ein, zwei, vielleicht auch drei Wochen deutlich heruntergehen, ist erneut Kaufzeit für längerfristig denkende Anleger.

„Auf nach Amerika“, jubelt die Dow Banking Corporaton in Zürich und gibt auch gleich konkrete Empfehlungen. Gillette ist eine davon. Deutschen Anlegern ist der Konzern zwar durch Rasierer und Rasierklingen bekannt, in USA ist er aber ein Riese im Konsumgeschäft. Vor allem aber, bei sinkendem Dollarkurs werden fünfzig Prozent der Umsätze im Ausland erzielt. Im laufenden Jahr soll der Gillette-Gewinn, nach der Meinung von Dow Banking, um dreizehn Prozent klettern.