Als in den aufgeregten Jahren um 1970 der Verband deutscher Schriftsteller (VS) enttand, sah es so aus, als kämen weltfremde Dichter aus luftigen Höhen herabgestiegen, um auf dem Boden der Tatsachen endlich ihre weltlichen Ansprüche geltend zu machen. In Wahrheit war’s umgekehrt gewesen: Eine günstige Zeitströmung trug sie in Höhen hinauf, in deren dünner Luft sie sich einbilden konnten, ihre konträren literarischen Interessen, ihre politischen Gegensätze, ihre persönlichen Animositäten seien um der gemeinsamen Sache willen zu vergessen.

Die Thermik ist zusammengebrochen, die Begeisterung verflogen, und die unberühmte sozialpolitische Kleinarbeit genügt einem so begeisterungsbedürftigen Menschenschlag, wie es die Dichter sind, nicht. Die Gegensätze lassen sich nicht mehr vertuschen. Der Verband bröckelt, aus politischen wie literarischen Gründen. Nicht „Einigkeit der Einzelgänger“ wäre die passende Parole für seinen jüngsten Kongreß in Berlin gewesen (über den wir auf Seite 57 berichten), sondern

„Krach der Vereinsmeier“.

Niveaulos stolpert der VS in seiner Krise herum – Martin Walser nannte das Schauspiel die „fraktionierte Lächerlichkeit“. Am Ende ist der VS nicht, aber am Rand eines traurigeren Zustands: der Unerheblichkeit. D.E.Z.