Bei der Beurteilung von Photographien kommt es gelegentlich zu verzerrenden Mißgriffen. Besonders leicht hat Zugang zu wohlwollender Kritik, wer sich Schriftsteller oder Künstler als Modell nimmt. Erst mal sind die Abgebildeten nur selten nicht geschmeichelt und zum zweiten finden sich dann auch mit Sicherheit später Künstlerbewunderer, die aus zufällig entstandenen Nebenbeibildern gleich „Marksteine der Photographie“ zu überbewerteten Denkmälern auftürmen. Wenn dann aber wirklich gelungene Bücher von unstreitig großen Photographen gedruckt werden, dann geraten die Kritiker in Formulierungsschwierigkeiten. Schon wieder ein dickes, teures Buch von Cartier-Bresson? Aber was für eins! Von der Sorte kann ich gar nicht genug haben! „Family of Man“ hieß die wohl bekannteste Photoausstellung. So könnte auch das vorliegende Buch benannt sein, dessen Menschenbilder von Berühmten und Unbekannten sich hinter dem trockenen Wort „Photoporträts“ verbergen. Ein Pantheon für noch Lebende und andere so Weiterlebende, aus allen fünf Erdteilen. Welch eine Fülle von brillanten Porträts, wie raffiniert einfach Photographien, wie oft im entscheidenden Moment festgehalten. Dabei ist nie etwas Sensationelles im Spiel. Oft aber teilt sich Rätselvolles mit. Henri Cartier-Bresson hat gelegentlich Kluges formuliert, zur Photographie wie zu seinen Arbeiten: „Der Photoapparat wird nie dem Warum der Erscheinungen, der Dinge antworten, er ist viel eher gemacht, sie zu fixieren; bestenfalls wird es ihm gelingen, in seiner eigenen, unmittelbaren Art gleichzeitig zu fragen und zu antworten. Ich habe mich deshalb seiner als optisch aufmerksamer Flaneur bedient: Auf der Suche nach dem objektiven Zufall.“ Von dem muß man wissen, ihn erfassen will gelernt sein. Cartier-Bresson Bilder zeigen das Wie – man muß es nur sehen können. Nur so wird man Photograph.

Norbert Denkel