Von Eberhard Schorsch

Volkmar Sigusch und ich, wir kennen uns aus der gemeinsamen Hamburger Zeit beim Lehrer Hans Giese. Widerständig gegen modische Klitterungen und das Schindluder, das man mit dem „Sex“ zu treiben begann, hat Giese uns eines vermittelt: daß das Sexuelle nicht isolierbar sei, kein abgelöstes „Objekt“ der Forschung, daß es sich dem Blick entziehe ohne eine Theorie des Menschen als Bezugsrahmen.

Gieses Theorie blieb nicht die unsere. Wir haben uns gegen sie gewandt, sie, wie man es damals nannte, als „Ideologie entlarvt“ – und waren stolz darauf. Ein guter Lehrer aber lehrt nicht Inhalte, sondern gibt eine Haltung zum Feld seiner Forschung weiter; und ein guter Schüler, anders als ein ewiger Schüler, tradiert nicht Lehren, sondern formt sich an der vorgelebten Haltung.

In diesem und „nur“ in diesem Sinne ist Sigusch ein Giese-Schüler. Eine Auseinandersetzung hat er jetzt nicht nur ermöglicht, sondern auch herausgefordert, indem er zwei Bücher fast gleichzeitig vorgelegt hat, die zusammen zu lesen sind:

  • Eine Aufsatzsammlung („Vom Trieb und von der Liebe“), die, weil sie von Sigusch, der kein Vielschreiber ist, zusammengestellt ist, als (vorläufige) Bilanz, als Essenz dessen zu sehen ist, was (ihm) wichtig erscheint.
  • Das zweite („Die Mystifikationen des Sexuellen“) ist eine Reflexion des ersten, gegossen in die inhärente Theorie, die mal mehr, mal weniger, in den einzelnen Aufsätzen enthalten ist.

Worum geht es? Ich muß etwas ausholen und entgegenhalten.

Der Begriff „Sexualität“ ist jung und taucht erstmals beim Botaniker August Henschel 1820 in seinem Buch „Von der Sexualität der Pflanzen“ auf. Ursprünglich eingeengt auf die Fort-Pflanzung, wird er bald ausgeweitet auf Mensch und Tier in dem nun in Gang kommenden ausufernden sexuellen „Diskurs“. Dieser sachliche, wertneutrale, wissenschaftliche und unlebendige Begriff „Sexualität“ schafft insofern eine neue Realität, als er sehr heterogene Phänomene menschlichen Fühlens, Handelns, Träumens, Erlebens, Erinnerns einerseits zusammenfaßt und sie andererseits objektivierend von der Person löst und zu etwas Gegenständlichem macht.