Die belebte Natur besteht in mehreren, hierarchisch geordneten Ebenen: Gesellschaften, Organismen, Organen, Zellen, Zellorganellen, Makromolekülen, Molekülen, Atomen und subatomaren Teilchen. Die höheren Ebenen schließen die tieferen ein: Gesellschaften bestehen aus Organismen, Organismen aus Organen, Organe aus Zellen ... Die Wissenschaften nehmen, je weiter wir in der Hierarchie hinaufsteigen, an empirischem Gehalt zu. Von jeder kann gesagt werden, daß sie die Begriffe und Fakten ihres eigenen Gebiets und dazu die Begriffe und Fakten aller Disziplinen der unteren Ebenen umfaßt. Die Soziologie und Ökologie ist notwendig die reichhaltigste, denn alles, was für die organismische Biologie zutrifft, trifft auch für die Soziologie zu. Es ist eine soziologische und nicht nur eine physiologische Wahrheit, daß lebende Organismen, die Nahrung benötigen, sich bemühen, sie zu erlangen, und es ist ebenfalls eine Wahrheit der Soziologie, daß die Leber durch Äthylalkohol und eine ganze Reihe weiterer organischer Lösungsmittel rasch Schaden nimmt. Es ist ebenso eine Wahrheit der organismischen Biologie wie der Chemie, daß bei der Wechselwirkung zwischen einer Säure und einer Lauge Salz und Wasser entstehen. Dies ist zugleich eine Wahrheit der Politik; es ist allerdings nicht zu erwarten, daß sie die Wähler beeinflussen wird.

Mit dem zunehmenden empirischen Gehalt (dem tatsächlichen oder möglichen Beobachtungsmaterial) nimmt auch – in einer nicht unbedingt, vorhersehbaren Weise – der begriffliche Gehalt zu. Jede Ebene der Hierarchie hat nämlich ihre jeweils eigenen Begriffe, die nicht durch die tieferen Ebenen erklärbar sind; der Begriff „Außenhandelsdefizit“ etwa gehört zur politischen Ebene, und auf ihn bezogene Behauptungen machen auf einer tieferen Ebene keinen Sinn. Auf der Ebene der Atomphysik und der Chemie ist es möglich zu verstehen, wie ein Kohlenstoffatom sich mit zwei Schwefelatomen verbinden kann, um Schwefelkohlenstoff zu bilden; der üble Geruch, der für dieses Molekül bekannt ist, kann dagegen auf keiner physikochemikalischen Ebene erklärt werden, auf der der Begriff des Geruchs nichts zu suchen hat.

Eigenschaften oder Phänomene, die auf höheren Ebenen der Integration auftauchen und auf den tieferen Stufen nicht vorhersagbar oder erklärbar sind, kann man als emergent bezeichnen. Der Zoologe und Psychologe C. Lloyd Morgan war ein Herold dieses Begriffs und hat die sinnvolle Unterscheidung zwischen resultierenden und emergenten Eigenschaften getroffen. Die ersteren sind von tieferen analytischen Ebenen her verständlich und sogar vorhersagbar (Eigenschaften wie Masse, osmotischer Druck und Brennbarkeit). Emergente Eigenschaften dagegen sind durch eine reduzierende Analyse nicht vorhersagbar oder erklärbar.

Die Idee der Emergenz (des Entstehens neuer Eigenschaften auf höheren Ebenen) hat nichts Anstößiges. Unbeliebt ist sie nur deshalb, weil diejenigen, die sich mit Erfolg der Strategie der reduzierenden Analyse bedient haben, zu der – vollkommen ungerechtfertigten – Ansicht neigen, die Benutzung des Begriffs käme einem Gesichtsverlust gleich. Der einzige wirkliche Einwand gegen den Begriff der Emergenz ist, daß er keinen Erklärungswert besitzt: Er markiert das Ende eines Gedankengangs, nicht den Anfang eines neuen. Wir erwerben kein tieferes Verständnis und werden nicht klüger dadurch, daß wir beschließen, der Besitz von Geist oder Seele sei eine emergente Eigenschaft, obwohl er das ganz klar ist; in einem Kristall oder einem Molekül gibt es schließlich keine Psyche oder auch nur die Spur einer solchen.

Die Idee der Emergenz erfüllt in den biologischen Wissenschaften eine nützliche Aufgabe, und sei es auch nur, weil sie dem, was sich der reduzierenden Analyse entzieht, einen Namen gibt. Freilich muß hinzugefügt werden, daß alle Arten biologischer Forschung dort vor allem blühen, wo ihr Stoff sich der Reduktion erschließt.

Aus dem philosophischen Lexikon der Biologie „Aristotie to Zoos“ von Peter B. Medawar und Jean S. Medawar