In der Geschichte gibt es keine Wiederholungen. Immer wieder werden wir mit neuen Szenarien konfrontiert: Neue Akteure müssen andere Probleme lösen. Mit der Großwetterlage verändern sich auch die Sorgen und Erwartungen des Publikums. Aber es gibt Situationen, die einander ähneln, Szenen, die den Eindruck des "déjà vu" hervorrufen.

Eben dies ist der Fall, wenn man die achtziger Jahre mit den vergangenen Fünfzigern vergleicht – Ostpolitik im Abstand von dreißig Jahren. Deutlicher als bisher tritt dies jetzt zutage, weil – nach dreißig Jahren – die Geheimakten des State Department und des Foreign Office aus der ersten Hälfte der fünfziger Jahre veröffentlicht worden sind. Sie lassen erkennen, wie wenig Konrad Adenauer an einer deutschen Wiedervereinigung und an Verhandlungen mit Moskau interessiert war.

Damals zeichnete sich, genau wie heute, eine entscheidende Zäsur in Moskau ab. Eine Periode ging zu Ende, die neu antretende sowjetische Führung mühte sich (und müht sich auch heute), deutlich zu machen, daß sie einen Strich unter die bisherige Geschichte gezogen hat und gewillt ist, ein neues Kapitel zu beginnen. Aber in beiden Fällen ist die Skepsis im Westen groß – damals war sie so groß, daß man vielleicht eine Chance verpaßt hat. Wie wird es diesmal sein?

Rekapitulieren wir zunächst die damals entscheidenden Ereignisse: Im März 1953 starb Stalin, der 30 Jahre lang die Bürger der Sowjetunion terrorisiert und die Welt mit seiner Schreckensherrschaft in Atem gehalten hatte. Im August des gleichen Jahres gelang es den Sowjets, ihre erste Wasserstoffbombe zu zünden und auf solche Weise den Gleichstand mit Amerika zu erreichen. Im Jahr 1956, auf dem XX. Parteitag, versuchte Stalins Nachfolger sich von der blutigen Erbschaft zu distanzieren, indem er das vielleicht waghalsigste Experiment, das ein totalitäres Regime je unternommen hat, einleitete: Er klagte den großen Stalin an, den Vater des Vaterlandes, um den Kommunismus zu retten.

Schon im Mai 1955 hatten die Sowjetführer nach 250 vergeblichen Verhandlungstagen plötzlich den österreichischen Staatsvertrag unterzeichnet. Vier Wochen später unternahmen die neuen Kremlchefs den Canossa-Gang zu Tito. Nach diesen Vorbereitungen fand dann im Sommer 1955 der erste große Auftritt der sowjetischen Führung auf der westlichen Bühne statt. Der Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, und Ministerpräsident Nikolai Bulganin kamen zur Gipfelkonferenz nach Genf. Die beiden joviale Heiterkeit ausstrahlenden Herren hatten Marschall Schukow, den Eroberer Berlins, mitgebracht – wohl um Präsident Eisenhower an die Waffenbrüderschaft im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Bald breitete sich in dieser Tauwetterperiode das aus, was als "Geist von Genf" in die Geschichte eingegangen ist.

Während all dieser Ereignisse spielte ein Dokument eine große Rolle, das offenbar die Konzessionsbereitschaft der Russen hatte anzeigen sollen: die Note vom 10. März 1952. Sie hatte wie ein Paukenschlag gewirkt, dessen Widerhall während der nächsten Jahre nicht verklingen sollte. Mit dieser Note boten die Sowjets ihre Zustimmung zu einem wiedervereinigten Deutschland an, ohne politische oder wirtschaftliche Auflagen mit einer Nationalarmee zur Selbstverteidigung. Voraussetzung: Das Land darf nicht Mitglied irgendeiner Militärallianz sein. Dieses Angebot entsprang zweifellos der Sorge vor einem wiederbewaffneten Deutschland im Bündnis mit Amerika; also vor der Potenz eines Landes, dessen Armeen in zwei Weltkriegen tief nach Rußland eingedrungen waren, kombiniert mit der stärksten Macht des Westens, deren Kraft die Sowjets im Zweiten Weltkrieg hatten beobachten können. Dieser sensationelle Vorschlag, so meinten viele Deutsche, müsse unbedingt ausgelotet und die Einzelheiten ergründet werden. Aber in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme am 16. März 1952 erklärte Konrad Adenauer schlicht: "Die Note bringt wenig Neues." Es gehe den Sowjets nur darum, so meinte er, die Bundesrepublik durch Neutralisierung zu isolieren und die Integration Europas zu verhindern.