Der Tote war bestimmt kein Dieb und kein Mörder, und Pocken oder Lepra kann er auch nicht gehabt haben, denn in allen diesen Fällen hätte man ihn schleunigst im steinigen Boden vergraben. Er war nicht bettelarm, denn sonst hätte man ihn möglicherweise nach seinem Ableben ohne Umschweife in den nächsten Fluß geworfen. Der Mann kann aber auch nicht reich gewesen sein, weil sich seine Familie offenbar das teure Holz für eine Feuerbestattung nicht leisten könnte. Und so bedeutend war er zu Lebzeiten auch nicht, daß man ihm jetzt einen Chorten errichtet hätte – in solchen Grabmalen werden nur die Vornehmsten beigesetzt.

Der, zu dessen Bestattung sich der kleine Trauerzug kurz nach Sonnenaufgang vor den Toren der tibetischen Stadt Xigaze eingefunden hatte, muß wohl ein ganz gewöhnlicher Mensch gewesen sein. Und so wie er gelebt hatte, wollten seine Angehörigen ihn auch beerdigen: auf ganz normale Art. Die Tibeter zelebrieren in diesem Fall ein jahrhundertealtes Bestattungsritual, „Himmelsbeerdigung“ wird es genannt.

Als Gäste – zwar ungeladen, aber dennoch freundlich aufgenommen – durften wir an dieser Zeremonie teilnehmen. Da saßen wir nun zusammen mit dem tibetischen Mönch, der unentwegt Gebete aus seinen heiligen Schriften murmelte, mit den nächsten Verwandten, von denen die einen Rauchopfer entzündeten, während die anderen die kleine Gesellschaft bewirteten, mit den Leichenträgern schließlich, die kräftig zulangten, wohl wissend, daß auf sie noch eine zweite, weit härtere Aufgabe wartete.

Uns schmeckte der Buttertee, den man uns anbot, an diesem Morgen nicht besonders. Auch für Tsampa, das geröstete Gerstenmehl, konnten wir uns nicht begeistern. Der Leichnam lag nur wenige Schritte von uns entfernt, eingehüllt in ein Leintuch, auf dem flachen Felsen. Wir wußten: Nach der „Himmelsbeerdigung“ würde von ihm nichts mehr übrig sein. So schreibt es das Ritual vor.

Ein Ruf vom Gipfel des Hügels, an dessen Fuß wir saßen, bereitete dem Mahl ein Ende. Erst jetzt bemerkten wir den zweiten Mönch, der schon die ganze Zeit dort oben gesessen haben mußte. Auf sein Zeichen hatten die Tibeter offensichtlich gewartet, und wenig später wußten auch wir, was es bedeutete: Die Geier kommen!

Ohne diese den Tibetern heiligen Vögel kann keine „Himmelsbeerdigung“ beginnen. Sie sind die Hauptakteure. Der Geruch des auf getrockneten Kuhfladen verbrannten Tsampas weist ihnen den Weg zum Ort, an dem sie gebraucht werden, erst ihre Anwesenheit ermöglicht die eigentliche Zeremonie.

Zunächst war es nur einer, der wie prüfend seine Kreise über der Bestattungsstelle zog, dann ein zweiter, ein dritter – zum Schluß waren es Dutzende. Nacheinander landeten sie und scharten sich um den Stein, auf dem der Leichnam lag. Geradezu diszipliniert warteten sie darauf, daß man ihre Dienste in Anspruch nähme. Während wir noch gebannt den Anflug der Tiere beobachteten, schickten sich die Leichenträger schon an, die ihnen noch verbliebene Aufgabe zu erfüllen: Die Seele des Verstorbenen mußte aus der vergänglichen Hülle befreit werden.