Von Hinrich Lührssen

Hannover

Im Fernsehen gebe es ein „Überangebot an gesellschaftlichem Quark“, hat der niedersächsische CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht schon vor sieben Jahren gemeint. Das „ganze Rundfunksystem in Deutschland“ wollte er deshalb neu gestalten, Privatfunk und -fernsehen den Weg bereiten. So hat er auch die Regionalisierung des NDR betrieben.

Von der schreibenden Zunft hat Albrecht ebenfalls keine gute Meinung: Ab und an holt der Regierungschef im Landtag zu einer Schelte aus. Das hat den Vorteil, daß die Adressaten ihn hören müssen, ihm aber nicht widersprechen können; die Geschäftsordnung des Parlaments verbietet das.

In der Januarsitzung des Landtags warf Albrecht dem Landesvorsitzenden der Deutschen Journalisten-Union und Redakteur bei der Neuen Presse in Hannover, Rainer Butenschön, vor, einen „Bericht auf Bestellung“ der SPD geschrieben zu haben. Der Grund seiner Attacke: Am Tag der Haushaltsdebatte hatte Butenschön über das Gutachten eines Forschungsinstitutes geschrieben, das die Staatskanzlei in Hannover in Auftrag gegeben, aber nicht veröffentlicht hatte. Ausgerechnet zum Beginn des Wahlkampfes war nun in der Zeitung zu lesen, daß bis 1990 mit bis zu 25 Prozent mehr Arbeitslosen in Niedersachsen zu rechnen sei. Als die Opposition das Gutachten in der Landtagsdebatte zitierte, wurde Albrecht ärgerlich: „Dann hat man seine Helfershelfer in diesem sozialdemokratischen Kampfblatt, das Neue Presse heißt, bestellt sich darin einen Artikel von Herrn Butenschön – einem SPD-Mitglied – und holt aus irgendeiner Schublade eine Studie hervor.“

Albrecht hat inzwischen in einem Brief an den Journalisten seine Äußerungen zurückgenommen; Butenschön ist übrigens kein Mitglied der SPD.

Schlimmer noch als Butenschön hatte es vor drei Jahren einen landespolitischen Korrespondenten der Deutschen Presse-Agentur getroffen. Er hatte in einem Bericht den Kurswechsel des Ministerpräsidenten bei der umstrittenen Volkszählung mit der ebenfalls widerrufenen Zusage verglichen, im Landkreis Lüchow-Dannenberg keine Wiederaufarbeitungsanlage zuzulassen. Den dpa-Redakteur zählte Albrecht im Landesparlament daraufhin zu der „Art von Journalisten, die es mit der Wahrheit sehr leicht nehmen“. Der Bericht sei „ein Musterbeispiel von unseriösem Journalismus“. Albrechts Regierungssprecher Hilmar von Poser beschwerte sich beim Leiter des dpa- Landesbüros, der prompt eine „korrigierte“ Fassung des Berichtes verfaßte. Der Redakteur wurde versetzt.