Von Jes Rau

Die Versicherungen „wollen doch nur, daß wir ihr Geschäft für langweilig halten“, schreibt Bestsellerautor Andrew Tobias in seinem Buch über die „unsichtbaren Bankiers“. Das Ärmelschoner-Image der Branche entspricht diesem Wunsch: Niemand käme etwa auf den Gedanken, eine Fernsehserie wie Denver im Versicherungsmilieu anzusiedeln. Denn wo blieben da Glamour und Sexappeal? Als so langweilig betrachtet die amerikanische Öffentlichkeit die Versicherungsbranche, daß diese über Jahrzehnte hinweg Milliardenschätze aufhäufen konnte – unbeschränkt durch irgendwelche US-Bundesgesetzgebung, unbeaufsichtigt von Behörden in Washington und ohne den Argwohn der Öffentlichkeit zu wecken.

Aber nun geht bei Prudential, Allstate, John Hancock, State Farm und wie sie alle heißen, die Furcht um, daß die Zeiten profitabler Langeweile zu Ende geht. Denn das Volk ist rebellisch geworden, nachdem die Gesellschaften die Tarife für die Schadens- und Unfallhaftung so drastisch erhöht haben, daß die berufliche Existenz mancher Freiberufler und Geschäftsleute gefährdet ist. Einer Umfrage der US-Handelskammern zufolge haben sich bei vierzig Prozent ihrer Mitgliedsfirmen die Versicherungsprämien verdoppelt. Ein Viertel davon mußte sogar einen Kostenanstieg von fünfhundert Prozent und mehr schlucken. Vielfach verweigern die Versicherungen überhaupt ihren Schutz oder vermindern die Versicherungssumme so sehr, daß die Risikoabsicherung der Versicherten unvollkommen ist.

Für eine ganze Liste von Berufen und Branchen ist die Suche nach einer erschwinglichen Haftverpflichtung zur Existenzfrage geworden. Die Liste umfaßt Chirurgen und Geburtshelfer, Gastwirte und Fischer, Tankstellen und Restaurants, Architekten und Bauunternehmer, Kinderkrippen und Privatkliniken, Schulbezirke und Gemeindeverwaltungen. „Wer versichert Hebamme?“ inserierte kürzlich eine um ihren Beruf fürchtende Geburtshelferin in der New Yorker Zeitung Daily News.

Die Folgen der Versicherungskrise sind überall zu spüren. Beispielsweise haben in diesem Winter die Betreiber von Skilifts ihre Preise spürbar erhöht, um die gestiegenen Versicherungskosten wieder hereinzuholen. Immer weniger Ärzte lassen sich auf Geburtshilfe ein, und Hebammen geben reihenweise ihren Job auf. Dem Bundesverband der Geburtshelfer und Frauenärzte zufolge gaben im vergangenen Jahr in den USA fast zwanzig Prozent die Geburtshilfe auf, wobei die Angst vor gerichtlicher Verfolgung und die Unerschwinglichkeit der Haftpflichtversicherung den Ausschlag gaben.

Zum Mahnmal der Versicherungskrise ist die stillstehende Gondelbahn an New Yorks Second Avenue geworden. Weil deren Betreiber die Haftpflichtversicherung gekündigt wurde, gibt es keine Verkehrsverbindung mehr zwischen der kleinen Roosevelt Island und Manhattan. Der Ruf nach Beendigung des Versicherungsnotstandes wird nun von allen Seiten laut. Der Kongreß veranstaltet Anhörungen, die Industrieverbände fliegen ihre Mitglieder zu Kundgebungen nach Washington ein, Ärzte und Rechtsanwälte kabbeln sich vor Fernsehkameras und Konsumenten-Advokat Ralph Nader zeigt mit dem Finger auf die Versicherungen.

Nader führt die Krise darauf zurück, daß die Versicherungskonzerne ihre Freiheit mißbrauchen und grundlos die Prämien herauftreiben und Risiken scheuen. Das ist auch die Meinung von Melvin M. Belli. Der durch seine sensationellen Prozesse gegen Versicherungen berühmt und berüchtigt gewordene Anwalt fordert die Verstaatlichung der über 900 Haftpflicht- und Unfallversicherungen. „Die haben uns lange genug gemolken“, schimpft Belli.