Zwischen den drei nahöstlichen Krisengebieten – Libanon, Golf, Palästina – liegt Syrien als Hauptscharnier. Überall betreibt Damaskus eine Politik des zähen, unnachgiebigen, geduldigen Wartens. Die strategischen Ideen des Präsidenten Hafis el-Assad setzt ein hemdsärmlig wirkender Mann in aggressive Schachzüge um: Abdel-Halim Khaddam, früher Außenminister, seit 1984 Erster Vizepräsident in Damaskus.

Khaddam, ein kleingewachsener Mann, strahlt die geballte Muskelkraft eines Boxers aus, der mit kühlen Augen seine Chance zum Zuschlagen abwartet. Seit dem syrischen Einmarsch von 1976 konzentriert sich Khaddam auf den Libanon. Dieses Kriegs- und Bürgerkriegs-Dschungelland will der einstige Rechtsanwalt, sunnitischer Muslim aus Lattakia, in eine sichere Einflußsphäre Syriens umwandeln: gegen alle arabischen, palästinensischen, israelischen, amerikanischen und sowjetischen Widerstände, vor allem auch dem innerlibanesischen Widerstand zum Trotz. In seinem modernen Damaszener Villenbüro empfängt Khaddam einen von Sonnenaufgang bis spät nach Mitternacht nicht abreißenden Strom politischer Pilger aus Beirut. Mit ihnen handelt und hadert, feilscht und feilt der zweite Mann im syrischen Staate um die Pax Syriana im Libanon.

In einem Interview mit der ZEIT gab Khaddam zu erkennen, daß gegenwärtig nicht alles nach seinem Wunsch verläuft: weder im Libanon noch im strategischen Bündnis mit dem Iran, das heute wohl, was Khaddam verschweigt, nur durch den gemeinsamen Haß auf das Regime in Bagdad zusammengehalten wird.

Auch die palästinensische Karte ist Damaskus entglitten, die Assad und Khaddam durch Ausschaltung Arafats und Errichtung einer syrientreuen PLO an sich reißen wollten. Dennoch: Die Syrer sind – wie Khaddam das in seiner Analyse des arabisch-israelischen Konflikts deutlich macht – fest davon überzeugt, daß Zeit, Geschichte und Geographie für sie arbeiten.

ZEIT: Der libanesische Präsident Gemayel stemmt sich gegen das Ende Dezember 1985 von den Führern der christlichen, drusischen und schiitischen Milizen in Damaskus unterschriebene Abkommen. Die darin vorgesehenen politischen Reformen, vor allem der Abbau der maronitischchristlichen Vorherrschaft, kommen nicht in Gang. Liegt damit nicht die ganze syrische Libanon-Politik in Trümmern?

Khaddam: Einige Gruppen in Ost-Beirut laufen Sturm, weil sie jegliche Reformen scheuen. So kam es zum Militärputsch (der Gemayel-Leute) vom 15. Januar und zum Einfrieren des Damaskus-Abkommens. Eine Alternative wurde jedoch nicht vorgelegt; das Abkommen ist nicht liquidiert. Es bleibt weiterhin das Tor zum Frieden im Libanon.

ZEIT: Syrien marschierte 1976 im Libanon ein, um den bedrohten Christen beizustehen. Könnte sich eine solche Intervention heute wiederholen?