Das ökumenische Gewand verhüllte den Pferdefuß, als eine konfessionell gemischte Delegation äthiopischer Kirchen in den vergangenen Wochen in Nordamerika und Europa um weitere finanzielle Unterstützung für die Hungernden warb. Die Integrität der Kirchenmänner und das anhaltende Mitleid für die Opfer der Dürrekatastrophe paßten genau ins Kalkül des äthiopischen Regimechefs Mengistu: Nachdem die Vereinigten Staaten ihm aus politischen Gründen weitere Regierungshilfe versagt hatten und zu allem Überfluß auch Mengistus erfolgreicher Katastrophen-Manager und Bittsteller, Dawit Wolde Georgis, in die USA geflüchtet war, veranlaßte die Regierung in Addis Abeba die äthiopischen Kirchen, die etwas hoch hängenden Trauben heimzuholen. Auf sie kann sich Mengistu verlassen. Sie haben unter dem harten Zugriff des marxistischen Staatsapparates keine andere Wahl.

Für Äthiopiens Katholiken und die Lutheraner der Mekane-Yesu-Kirche, deren Generalsekretär vor Jahren verhaftet wurde und seitdem spurlos „verschwunden“ ist, wird das zur bitteren Kollaboration. Die orthodoxe Kirche Äthiopiens, staatstragend seit 1500 Jahren, kommt damit besser zurecht.

In den zurückliegenden Katastrophenmonaten hat die weitgehend auf Jenseitsvorsorge konzentrierte und bei Fragen innerweltlicher Organisation eher unbeholfene Kirche den Umgang mit Getreidespenden und Verteilzentren recht und schlecht erlernt. Wirklich unbezahlbar sind die Orthodoxen für Mengistu jedoch, seit sie sich an den weltweit wegen unabsehbarer Grausamkeiten in Verruf geratenen Umsiedlungsaktionen beteiligen. Unter Führung ihres seit einem halben Jahrzehnt geschickt agierenden Generalsekretärs begleitet die orthodoxe Kirche als einzige große Organisation die Deportation von 1,5 Millionen Bauern aus Nordäthiopien – „komplementär“, wie es heißt.

Die alte Staatskirche Äthiopiens stellt den streng religiösen Opfern der Umsiedlung Kirchen und – besonders wichtig – Friedhöfe mit geweihten Grabplätzen zur Verfügung. Die politische Dimension der Umsiedlung sowie der kirchlichen Beteiligung wird unter den Orthodoxen offiziell weder diskutiert noch akzeptiert: das Musterbeispiel einer dank strikt unpolitischen Verhaltens politisierenden Kirche.

Die traditionell enge Verbindung unter den orthodoxen Kirchen schließt selbstverständlich auch die Russisch-Orthodoxen ein, die ihrerseits selten als Kritiker der Kreml-Politik auffällig geworden sind, so daß nicht nur die politischen, sondern auch die kirchenpolitischen Parallelen zwischen Moskau und Addis Abeba auffallen.

Auch im Weltkirchenrat in Genf hat die starke Gruppe der orthodoxen Kirchen bei allem, was sie betrifft, eine unbestrittene Stimmführerschaft. Das erklärt, warum der Weltkirchenrat im Blick auf Menschenrechtsverletzungen in Äthiopien seit langem die Stimme verloren hat. Nur gesammelt darf werden – ganz unpolitisch. Günther Mack