Gering ist der Ehrgeiz von Kurt Biedenkopf wahrlich nicht. Eine schöpferische Epoche verordnete er der nordrhein-westfälischen CDU; es gelte, so hieß es in den Berichten vom Parteitag der Union, die "Neue Wirklichkeit" zu gestalten. Ein Begriff, der aus manchen Gründen bemerkenswert ist, nicht nur weil sich das Neue durch Großbuchstaben als bedeutsam ausweist.

Was immer die CDU in Nordrhein-Westfalen bisher ausgezeichnet hat, "die neue Sicht der Dinge" (so der Titel des jüngsten Biedenkopf-Buches) gehörte kaum dazu. Besonders im rheinischen Klüngel, in der verschmitzten Spielart der politischen Klasse, hielt man es eher mit dem Grundsatz: Mir kenne ons, mir helfe ons. Man hielt sich an jenes Menschlich-Allzumenschliche, das allen großen Entwürfen ziemlich dauerhaft widerstand. Und es spricht schon für einen erheblichen Grad an Verzweiflung, wenn sich gestandene Christdemokraten mit einem Phänomen namens "Neue Wirklichkeit" beschäftigen.

Bemerkenswert ist dieser Begriff auch deshalb, weil er sich an eine stattliche Reihe von Wortschöpfungen anschließt, die alle mit dem Attribut Neu, meist großgeschrieben, ausgestattet sind. Neue Klasse, Neue Innerlichkeit, Neue Zärtlichkeit, die Neue Soziale Frage – bis hin zur Neuen Heimat, deren Schöpfer allerdings dieses Eigenschaftswort, mit dem sich so viele politische und finanzielle Verdrießlichkeiten verbinden, am liebsten loswerden möchten. Offenbar wird nichts leichter schäbig als eine Neue Heimat, während die Heimat, schlicht und ohne schmückendes Beiwort, auch wenn sie etwas dürftig war, penetrant ihren stillen Glanz von innen behält.

Natürlich haben Werbefachleute den Signalwert des Neuen längst entdeckt und genutzt. Immer nur Persil verkaufen zu müssen, wird schwierig; hie und da muß es schon das neue Persil sein. Kurt Biedenkopf freilich zu unterstellen, er habe nur diesen Werbeeffekt gesucht, hieße seine Erkenntnisanstrengung schnöde zu mißachten, Im Grunde versuchte er sich an dem uralten, gleichwohl immer noch schwierigen Geschäft, Veränderungen dingfest zu machen. Bei der sprichwörtlichen Erkenntnisträgheit der Zeitungen, die stets nur den alten Wein in neuen Schläuchen finden, ist es da mit kleinen Worten nicht getan. Was natürlich niemand besser weiß als die Journalisten, die in ihrer Verzweiflung, daß niemand ihre so wichtigen Wahrnehmungen ernst nimmt, dauernd eine neue Epoche oder eine neue Ära ausrufen müssen. Mit mäßigem Erfolg; es gibt in der CDU doch tatsächlich noch Leute, die nicht einmal dem Kanzler glauben, es habe eine Wende stattgefunden.

Offenbar sind alle diese Neu-Verbindungen zwiespältig – für die einen ist Neue Zärtlichkeit eine von alten Beschränkungen befreite Ausdrucksform, für andere die Perversion guter alter Sitten. Kein Wunder, daß Nachdenkliche eine "Neue Unübersichtlichkeit" feststellen. Die Neue Linke oder Rechte, die Neuen Medien – wirklich etwas Neues, oder nur der alte Käse in anderer Verpackung? Als die CDU die Neue Soziale Frage (und damit die Neue Armut) entdeckte, hielt das die SPD für ein Manöver der Ablenkung von der alten, wirklich sozialen Frage. Und als wiederum die Gewerkschaften von der Neuen Armut redeten, war das für die CDU ein alter Hut. Die Verfallsgeschwindigkeit der Neo-Verbindungen ist ziemlich hoch.

Mit dem Präfix "Neo" gerät man in solche Schwierigkeiten nicht. Neoklassizismus, Neonazismus, Neokonservatismus – es bleibt der zweite Aufguß. Da klingt Nouvelle Cuisine oder Nouvelle Philosophie schon anders, modischer, attraktiver. In der Übersetzung geht freilich manches von ihrem Reiz verloren. Von der neuen Küche hätte kaum jemand gekostet – aus Angst, es handele sich um eine Rohkost-Diät, und André Glucksmann auf deutsch ist auch nicht mehr so aufregend: eine mit großem Schwung servierte Mini-Portion.

So neu ist das Neue meist nicht, glücklicherweise. Jene merkwürdige Neigung, sich fortwährend mit new frontiers, mit neuen Grenzen, zu beschäftigen – sie ist schon ziemlich anstrengend. Deshalb ist auch der Neuen Wirklichkeit Biedenkopfs keine gute Prognose zu stellen. Nicht, daß es sie nicht gäbe. Aber wer gelernt hat, im neuen Menschen stets den alten Adam zu entdecken, wird auch in der neuen Wirklichkeit die alte Chose wiederfinden – samt Leuten wie Helmut Kohl und Bernhard Worms. Rolf Zundel