Nach libyschen Raketenangriffen auf amerikanische Militärflugzeuge über der Großen Syrte haben die Vereinigten Staaten ein libysches Patrouillenschnellboot versenkt und eine Raketenstellung bei der Stadt Syrte auf dem Festland bombardiert.

Die Herausforderung Ghaddafis und die Bereitschaft, ihm für die Förderung des internationalen Terrorismus einen Denkzettel zu verpassen, waren von langer Hand vorbereitet. Die Regierung Reagan, die vor der Küste Libyens eine Armada von ungewöhnlicher Stärke aufmarschieren ließ, haue von Anfang an mehr im Schilde als die Abhaltung routinemäßiger Manöver. Trotz gegenteiliger Versicherungen von Verteidigungsminister Weinberger sahen amerikanische Medien am Montagabend, vor allem in Erwartung weiterer Kampfhandlungen, eine Art Kriegszustand zwischen Amerika und Libyen als gegeben.

Am Montag um 13.52 Uhr MEZ waren die ersten zwei libyschen Luftabwehrraketen sowjetischer Bauart gegen amerikanische Jagdbomber abgefeuert worden; nachmittags zwei weitere, dann noch einmal – insgesamt sechs vom Typ SAM 5 und SAM 2 und alle aus der Raketenstellung bei Syrte. Nach amerikanischen Angaben wurde kein einziges Flugzeug getroffen. wonach drei amerikanische Jagdbomber abgeschossen wurden, bezeichneten militärische Stellen der USA als Falschmeldung. Nach den Angriffen der Boden-Luft-Raketen ließ Libyen Raketen-Schnellboote in See gehen, verlautete in Washington weiter. Der Befehl zum Gegenangriff sei gegeben worden. Das erste Schnellboot sei aus der Luft mit Harpoon-Raketen in Brand geschossen und versenkt worden. Überlebende der wahrscheinlich 27köpfigen Besatzung wurden nicht beobachtet, teilte Verteidigungsminister Weinberger mit. Auch ein zweites Raketenschnellboot wurde in Brand geschossen. Daneben seien libysche Jagdflugzeuge vom Typ MIG 25 abgefangen und zur Umkehr gezwungen worden. Ein weiterer Vergeltungsschlag richtete sich gegen die Radar- und Raketenstellung bei Syrte. Es liegen keine Angaben vor, ob dabei sowjetische Ausbilder oder Militärberater in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Amerikanische Regierungssprecher bestanden auch nach Bekanntwerden der Kampfhandlungen darauf, daß die Luft- und Flottenmanöver vor der Küste Libyens nicht als Provokation Ghaddafis angelegt seien. Die amerikanischen Streitkräfte nähmen lediglich das Recht in Anspruch, in und über internationalen Gewässern zu üben und zu navigieren. Die Manöver sollen bis zum 1. April fortgesetzt werden.

30 Kriegsschiffe, darunter drei Flugzeugträger mit 240 Kampfflugzeugen, sind für die boten. wiederholt haben USA das Recht demonstriert, auch die Gewässer der großen Syrte dafür in Anspruch nehmen zu können.

Oberst Ghaddafi beansprucht den ganzen Golf als libysches Hoheitsgebiet. Amerika demgegenüber erkennt gemäß internationalem Recht nur zwölf Meilen Küstengewässer als Hoheitsgebiet an. Die von Ghaddafi zwischen dem östlichen und dem westlichen Eckpunkt des Golfs gezogene Linie, von ihm „Todeslinie“ genannt, bezeichnet Washington als Anmaßung, der man sich nicht beugen dürfe. Bereits am Sonntag hatten amerikanische Jagdbomber die Linie überflogen, am Montag dann brachte Ghaddafi seile sowjetischen Flugabwehrraketen zum Einsatz. Der Kommandant der Sechsten US-Flotte im Mittelmeer, Vizeadmiral Frank Kelso, hat Vorbereitungen getroffen, auch Begleitschiffe seiner Armada, nicht Flugzeugträger, über die sogenannte Todeslinie zu schicken. Mit weiteren militärischen Auseinandersetzungen wurde am Montagabend in Washington gerechnet.

Nach libyscher Darstellung sind drei amerikanische Flugzeuge abgeschossen worden; der Rundfunk in Tripoli drohte damit, das Mittelmeer in ein „Meer voll Blut“ zu verwandeln. Auch nördlich der ,,Todeslinie“? Italien hat jetzt Angst vor libyschen Angriffen auf süditalienische US-Stützpunkte, und die ersten harschen Reaktionen aus Moskau lassen eine Internationalisierung des Syrte-Konflikts befürchten.

Ulrich Schiller (Washington)