Dietzenbach

Sie gehören vergast, Sie gehören standrechtlich erschossen“ – solche Sätze sollen dem Mathematiklehrer und stellvertretenden Leiter der Dietzenbacher Heinrich-Mann-Gesamtschule im Kreis Offenbach öfter entfahren sein, wenn er sich über Schüler seiner elften Klasse geärgert hatte. Der 49jährige Rudolf Füssel, schon seit Jahren bei Schülern, Kollegen und Eltern für ungewöhnliche Beiträge im Unterricht bekannt, bekommt nun Konsequenzen zu spüren.

Im November vergangenen Jahres berichteten Schüler ihren Eltern von den Ausfällen des Lehrers. Ein Vater empörte sich derart, daß er seine Tochter von der Schule nahm. Er informierte den Schulelternbeirat und den Schuldirektor, der wiederum das staatliche Schulamt Offenbach in Kenntnis setzte. Doch wochenlang geschah nichts. Füssel unterrichtete in der Klasse „normal“ weiter. Bewegung kam in die Schulbehörde erst, als Schüler einem Zeitungsreporter die Geschichte erzählten. Füssel wurde in eine andere Klasse versetzt. Erst nach zweieinhalb Monaten hatte das staatliche Schulamt die Vernehmung der 16- bis 18jährigen Schüler abgeschlossen. Das Regierungspräsidium in Darmstadt stellte in einem Zwischenbericht fest, daß die Vorwürfe der Schüler nicht hätten entkräftet werden können. Zur „Wahrung des Schulfriedens“ verfügte es zum 1. März die vorläufige Versetzung Füssels an das Frankfurter Schulamt. Inzwischen hat der Regierungspräsident in Darmstadt ein „förmliches Disziplinarverfahren“ eingeleitet. Hessens Kultusminister Karl Schneider (SPD) hat in einem Brief „alle Lehrerinnen und Lehrer des Landes Hessen“ dazu aufgefordert, „antidemokratische Tendenzen, den neuen Antisemitismus und die Ausländerfeindlichkeit“ an Schulen anzugehen.

In der Stadt Dietzenbach ist die Affäre Tagesgespräch. Der Grund dafür: Neben seinem Posten als stellvertretender Parlamentsvorsitzender in Dietzenbach ist der CDU-Mann Füssel Schulausschußvorsitzender des Kreises Offenbach und damit zuständig für gut 60 Schulen. Ferner ist er schulpolitischer Sprecher der CDU-Kreistagsfraktion.

Noch steht die Union des Kreises Offenbach hinter Füssel. Es bestehe „kein Grund, den Kollegen zum Rücktritt aufzufordern“, befindet Paul Scherer, CDU-Kreistagsfraktionschef und Bürgermeister der Stadt Rodgau. Den Grünen, die Füssel aufgefordert hatten, seine Ämter zunächst ruhen zu lassen, hielt Scherer vor, in ihren Reihen säßen doch „mindestens genauso viele Vorbestrafte, wie in den deutschen Parlamenten Abgeordnete“. Die Grünen quittierten diese Äußerung mit einer Anzeige und erschienen zur jüngsten Rodgauer Parlamentssitzung mit Häftlingsmützen.

Sensibel reagiert die Dietzenbacher Union auf das „politische Kesseltreiben“ gegen den Konrektor, das an die „finstersten Zeiten deutscher Geschichte“ erinnere. Überhaupt seien die angeblichen Äußerungen nicht nationalsozialistisch zu nennen. Und in einer „Richtigstellung“ belehrt die CDU Eltern, Schüler und Lehrer, daß der Schulfrieden durch eine „ideologisch gefärbte Kampagne“ gestört werde und nicht durch Rudolf Füssel. Wenzel Pleil