Die Psychoanalytikerin Barbara Vogt berichtet von den Schwierigkeiten, die in der Behandlung der Nachkommen von Nazitätern durch deren barbarische Phantasien, Ausdruck von Identifikationen mit ihren Nazi-Vätern, auftreten können:

„In den siebziger Jahren kam ein Patient zu mir, der unter anderem Angst hatte, verrückt zu werden und seinen Vater zu erschlagen. Er war nicht psychotisch, was durch mehrere Gespräche in einer auswärtigen Ambulanz und eine eingehende Testdiagnostik festgestellt worden war. Er war sehr kunstsinnig und auch emotional zugewandt. Trotzdem hatte ich zunächst fast eine Aversion, mich diesem Patienten zuzuwenden. Die Gründe hierfür waren mir damals noch nicht klar, und das war auch gut so.

Vor der ersten Unterbrechung der Behandlung durch einen längeren Urlaub – es war der letzte Tag vor seiner Abfahrt – erkrankte der Patient an einem ‚akuten Bauch‘. Er kam in die Chirurgie und bestand darauf, operiert zu werden. Die Ärzte konnten jedoch keinen organischen Befund feststellen. Sie standen vor einem Rätsel. Am nächsten Tag fuhr der Patient beschwerdefrei in den Urlaub.

Als er mit der Bahn über die Grenze ‚gen Osten‘ fuhr, ergriff ihn eine Panik. Er hatte die Phantasie, er könnte aus dem Zug gezerrt, mit anderen zusammen irgendwo zusammengepfercht und erschossen werden. Der Patient hatte mir bis dahin nie genau gesagt, was mit seinem Vater los war. Er ahnte nur, daß dieser während des Krieges im Osten eingesetzt war. Als ich selbst mit dem Nachtzug in den Urlaub fuhr, fielen mir die drei Millionen deportierten Juden ein, die von der Deutschen Reichsbahn unter menschenunwürdigen Bedingungen in die Vernichtungslager transportiert worden waren. Ich wurde den Gedanken nicht los, daß diese Phantasien etwas mit dem Patienten zu tun haben mußten.

Nach dem Urlaub war es dem Patienten dann möglich, mit seinem Vater zu sprechen. Er erfuhr, daß er ein ausgebildeter Parteigenosse gewesen war, der mit Gewalt aus der Ukraine und anderen Ländern Zwangsarbeiter zusammenzutreiben hatte, die dann nach Deutschland verschleppt wurden, um dort in der Rüstung zu arbeiten.

Durch diesen Patienten habe ich gespürt, wie schwierig es für mich als deutsche Nachkriegsanalytikerin ist, die Nachkommen von Nazi-Vätern zu behandeln. Denn zunächst wollte ich ja diesen Patienten eigentlich nicht an mich herankommen lassen (im Sinne einer Einfühlungsverweigerung), und dann dauerte es geraume Zeit, bis ich innerlich in der Lage und bereit war, mich auf seine schrecklichen Phantasien, die an den realen Horror der Nazi-Zeit anknüpften, einzulassen. Obwohl meine leiblichen Eltern unzweideutig gegen Hitler eingestellt waren, mußte und muß ich sehr an mir und meiner eigenen Geschichte als Deutsche arbeiten, um mich in meiner Gegenübertragung meinen ablehnenden Gefühlen und Ängsten zu konfrontieren. Sie traten immer dann besonders stark auf, wenn der Patient von seinen Phantasien berichtete, daß gewisse ihn störende Menschen, Passanten, Mitarbeiter oder auch Ausländer beseitigt, eigentlich vergast werden müßten.

Dieser Patient hat mir geholfen, später auch andere Kinder von Tätern, auch solche, deren Väter in Konzentrationslagern tätig waren, zu behandeln. In der Arbeit mit ihm und durch die Lektüre von Günther Anders ‚Wir Eichmannsöhne‘ ist mir klargeworden, daß wir nicht nur eine Geschichte mit unseren eigenen Eltern haben, sondern eine deutsche Geschichte. Das verlangt von uns ab Therapeuten, so lebendig und aufnahmebereit zu sein, daß die Patienten uns all diese grauenhaften Geschichten, die sie in sich erleben, erzählen können, so daß sie sich freier fühlen, mit ihren Aggressionen besser umgehen, sich von den Anteilen der Nazi-Väter trennen und dann innere Sicherheit und eigene Identität gewinnen können.“