Ost-Berlin hat den Preisverfall nicht eingeplant

Von Michael Schmitz

Zwei Welten: Auf die bundesdeutsche Wirtschaft wirken die gefallenen Ölpreise überaus segensreich, vergleichbar mit einem kostenlosen Konjunkturprogramm von rund 25 Milliarden Mark. Für die DDR-Ökonomie aber hat das billige Öl eher einen nachteiligen Effekt. Der Hauptgrund: Die Energiepolitiker in Ost-Berlin haben zu massiv auf die heimische Braunkohle gesetzt.

Die DDR fördert heute mit 312 Millionen Tonnen pro Jahr mehr als jedes andere Land der Welt. Im Vergleich zu 1980 steigerte sie den Braunkohleabbau um jährlich 54 Millionen Tonnen. Und im gleichen Zeitraum reduzierte sie den Mineralölverbrauch von 17 auf zehn Millionen Tonnen, Heizöl wird fast überhaupt nicht mehr benötigt.

Auch in diesen Tagen berichtet das Neue Deutschland über Rekordergebnisse im Braunkohleabbau und lobt „den großen Einsatz der Kumpel“. Die damit verbundenen Nachteile reportiert die Zeitung jedoch nicht. Die riesigen Bagger zerfressen unaufhaltsam die Landschaft, Braunkohlekraftwerke verpesten die Luft, zum Beispiel das Kraftwerk Boxberg. Mit einer Leistung von 3500 Megawatt ist es das größte in Europa. Die Kapazität reicht aus, zweimal den Bedarf einer Stadt wie West-Berlin zu decken.

Boxberg arbeitet, wie alle Braunkohlekraftwerke der DDR, ohne Rauchgasentschwefelung. Jedes Jahr blasen die Kraftwerke 2,5 Millionen Tonnen Schwefeldioxid aus ihren Schornsteinen, die Hälfte aller ostdeutschen SO2-Emissionen. Gerechnet auf die Einwohnerzahl ist die sozialistische deutsche Republik der größte Schwefeldioxid-Emittent der Welt.

Geld für Umweltschutz-Investitionen fehlt in der DDR. Die Energie- und Brennstoffindustrie ist ohnehin der kapitalintensivste Sektor. Er bindet 25 Prozent des Anlagevermögens, erwirtschaftet aber nur zehn Prozent des Nettoprodukts. Etwa ein Viertel aller Investitionen der Industrie fließt in die Energiewirtschaft. Noch einmal soviel Mittel werden aufgewandt, um den Energiebedarf in der chemischen und in der metallverarbeitenden Industrie, im Baugewerbe und im Transportwesen zu decken. Damit sind erhebliche Gelder gebunden, die das Land dringend zur Modernisierung anderer Industriebereiche braucht. Das ist ein Grund, weshalb manche Schlüsseltechnologien in der DDR noch nicht zur Serienreife gelangt sind, vorhandene hightech als technologische Insel nicht effektiv produziert.