Kaum haben wir den Duden in seiner 19., völlig neu bearbeiteten Auflage angeschafft, um in der Rechtschreibung auf Nummer Sicher zu gehen, da meldet sich die Klasse 6b eines Bottroper Gymnasiums mit einem Pamphlet zu Wort und rät uns, „auf nummer sicher zu gehen“. Diese Schreibweise, so argumentiert die Klasse, sei immer noch besser als „auf Nummer sicher gehen“, wie 73 Prozent bei einer Fragebogenaktion der Schüler ankreuzten. Unter Anleitung ihres Lehrers Werner Boschmann, der bereits mit „1000 Worten Bottropisch“ seinen Sprachwitz bewies, haben die Schüler eine Brieftestaktion aus kniffeligen Fällen zusammengestellt, um Bekannte und Unbekannte zu überzeugen, daß mit den derzeitigen Rechtsschreibregeln niemand sichergehen kann.

Mit ihren Beispielen haben die Bottroper ins Schwarze getroffen, denn es gäbe da wirklich einiges ins reine zu bringen: daß bei „ins Schwarze“ die „substantivische Vorstellung“ überwiegt, bei „ins reine“ jedoch nicht, ist nicht nur für zwölfjährige Schüler schwer zu verstehen. Wie muß ihnen auch zumute sein, wenn ihnen da etwas eingebleut wird, das für sie kaum von Nutzen sein kann? Ob es wirklich hilft, wenn der Duden eingesteht, daß es für die Zusammen- und Getrenntschreibung keine allgemeinverbindliche Regel gibt? Werner Boschmann und die 6b gehen da weiter, sie fordern, nicht nur in allen Zweifelsfällen getrennt zu schreiben, sondern wollen auch noch den ewigen Zweifel, ob groß, ob klein geschrieben wird, beseitigen. Streitlustig haben sie aufs Titelblatt geschrieben: „einführung in die tieferen geheimnisse der deutschen rechtschreibung.“

Ob sie mit ihrem Bändchen mehr bewirken als Stefan George mit seinem ganzen kleingeschriebenen Werk, ist fraglich, denn der Kampf für Neuschreib hat die Utopisten auch zum Übereifer verführt: „Bei fremdworten soll gelten: schreib, wie du sie sprichst und vermeide sie, wenn du kannst.“ Das ist forsch gefordert, doch sieht man dem Wort „schampanja“, so wie sie es schreiben, seine fremde Herkunft ja kaum noch an, so daß es schwerer wird, es zu meiden (wo man kann). Soll aber wieder einmal alles Undeutsche gemieden werden, so sollte die 6b dem Snob lassen, was des Snobs ist: Setzt der sich doch schon lange dafür ein, Champagner ohne das verdeutschende R am Ende zu schreiben, so daß die feinen Herkunftsunterschiede besser zu erkennen sind.

Die Schüler plagen indes ganz andere Sorgen, doch „daß“ und „das“ nicht mehr zu unterscheiden, in allen Fällen „das“ zu schreiben, wie sie fordern, das kann tatsächlich nur Schülern der sechsten Klasse einfallen. Hat man nämlich erst einmal Konjunktionen und Artikel zu unterscheiden gelernt, so weiß man auch die Konjunktion „daß“ als einen der wenigen sicheren Indikatoren dafür zu schätzen, daß ein Komma zu setzen ist. Sollen sie doch erst zu den höheren Geheimnissen der Kommasetzung vordringen, dann werden sie schon sehen! Unser Lehrer führte uns damals dadurch in diese Geheimnisse ein, daß er die Regeln aus dem Duden auf die Tafel schrieb und sie uns in unsere Hefte übertragen ließ. Wer schreibt, fragt nicht.

Trotzdem hat sich jetzt jemand an den kühnen Versuch gewagt, unsere Fragen zu beantworten – mehr der fremden Not gehorchend als dem eigenen Sprachtrieb: Als Professor der Aachener Hochschule betreut Christian Stetter das Grammatische Telephon. Wie die vom Schicksal Geschlagenen bei der Telephonseelsorge, können die von der Sprache Geschlagenen sich dort Rat holen. Geschlagen waren offenbar die meisten Anrufer mit der Kommasetzung. Dem will Christian Stetter nun mit seinem Buch „Richtige Zeichensetzung“ ein für allemal abhelfen.

Er hat es deshalb als eine Sensation angekündigt: Die Kommasetzung werde darin auf drei Grundregeln reduziert. Wohl wahr. Aber wer das im April (im Falken Verlag) erscheinende Werk in die Hand nimmt, wird schon am Umfang erkennen, daß diese Grundregeln ebenso viele Regeln nach sich ziehen, wie wir sie aus dem Duden kennen. Immerhin erklärt Stetter, warum es keine einfache Erklärung des Regelgebäudes geben kann: Die Regeln sind nach grammatischen Gesichtspunkten konstruiert, doch der über allen Regeln stehende Grundsatz ist ein rhetorischer. Das hängt mit der Geschichte des Kommas zusammen, das sich aus einem Zeichen zur Satzbetonung beim Vorlesen erst im Zeitalter der allgemeinen Schulpflicht zum Zeichen syntaktischer Satzgliederung entwickelt hat.

Mit seiner neuen Theorie geht es Stetter wie den Kunstgeschichtlern, die die Riesenmasse der auf uns überkommenen Altertümer zwar systematisch interpretieren können, nicht aber die (steinernen) Strukturen in ein neues System bringen. Wir aber können uns des Eindrucks nicht erwehren, als gliche dieses kulturelle Erbe viel weniger einem Gebäude, in dem man auf Nummer Sicher gehen kann, als einem, in dem man auf Nummer Sicher ist (Duden: ugs. für: im Gefängnis sein).

Frank Busch