Von Lothar Reinbacher

Das ist ein Routine-Eingriff", beruhigte der Chirurg den 67jährigen Elektroschweißer aus einem Vorort, von Bochum. "Wir operieren das Knötchen aus Ihrer Lunge heraus und sehen nach, ob es bösartig oder gutartig ist. Ob wir dann die befallene Lunge entfernen müssen, wird von der feingeweblichen Schnellschnitt-Diagnose abhängen."

Die Probenentnahme, für die der Brustkorb aufgeschnitten werden muß, erbrachte ein erfreuliches Resultat: Der Schatten, der auf dem Röntgenbild wie ein junges Lungenkarzinom aussah, war ein alter, ungefährlicher Tuberkulose-Herd. Als der Patient aus der Narkose erwachte, wollte er die Frohbotschaft kaum glauben: "Also doch kein Krebs, Herr Professor?" – "Nein, kein Krebs!"

Doch nicht lange konnte sich der Frischoperierte seines Glückes freuen: Er starb plötzlich an einer Lungenembolie, einem Blutgerinnsel, das die Lungenschlagader verstopft hatte.

Keine Statistik verrät, wie viele Menschen die Suche nach einem vermeintlich bösartigen Tumor nicht überleben. Gewiß ist nur: Von den Patienten, die einen Lungen- oder Bronchialkrebs haben, sterben 90 Prozent binnen zwei Jahren. Wenn erst der Tumor auf dem Röntgenbild sichtbar wird, ist es meist schon zu spät.

Es gibt allerdings eine preiswerte, einfache, aber selten genutzte Frühdiagnose des Bronchial- und Lungenkrebses: die zytotoxische Untersuchung, also die von einem auf Zelldiagnostik spezialisierten Pathologen vorgenommene Begutachtung einzelner Körperzellen. Die finden sich in ausgehustetem Schleim oder werden mittels einer 0,6 Millimeter dünnen Nadel aus einem Tumor herausgesaugt (im Fachjargon Feinnadelbiopsie genannt). Da jedoch nicht nur Operateure an kleinen Krankenhäusern, sondern auch gestandene Ordinarien alter Schule sich am liebsten nur auf die histologische (feingeweblich) Untersuchung von Gewebeproben verlassen, mißtrauen sie der eleganten, risikolosen und nicht minder treffsicheren Zelldiagnostik. Dabei wird diese Methode zum Beispiel in den Vereinigten Staaten und, häufiger noch, in Schweden seit mehr als einem Jahrzehnt praktiziert. Ein paar Dutzend Gewebezellen genügen, um eine Geschwulst zu erkennen.

"Wir Mediziner haben die Treffsicherheit bei der Krankheitserkennung in fünf ‚Sicherheitsgrade‘ aufgegliedert", erläutert der Lehrstuhlinhaber für Pathologie am Klinikum Aachen, Christian Mittermayer. "Wenn der Arzt einen Patienten nur anschaut und sagt: ‚Sie sind gelb, Sie haben Gelbsucht‘, dann ist das Sicherheitsgrad 1, aber die Diagnose ist unpräzise. Eine Röntgenaufnahme bringt schon eine zuverlässigere Aussage und entspricht dem Sicherheitsgrad 2. Die untrüglichste Diagnose (Grad 5) liefert natürlich die Leichenschau – dann ist aber der Patient nicht mehr am Leben. Histologie und Zytologie rangieren unter Sicherheitsgrad 3 und 4."