Von Hansjakob Stehle

Ein Papst als Verleger, der selbst fast täglich zu Fragen der Zeit (und Ewigkeit) ganze Textseiten liefert – müßte das nicht einer Zeitung zur Massenauflage verhelfen, zumindest unter den vielen hundert Millionen Katholiken in aller Welt? Oder ist es eben dies, was den Osservatore Romano, das Hof- und Amtsblatt der römischen Kirchenzentrale, nicht sehr weit über die Vatikanmauern hinauswachsen läßt? Die Höhe der Auflage wird als Staatsgeheimnis behandelt, nicht nur gegenüber den wenigen Inserenten, die Wohltätigkeit mit Werbungskosten kombinieren, sogar gegenüber der päpstlichen Medienkommission. Bei ihrer Jahrestagung rühmte sich unlängst der Direktor der Zeitung, Mario Agnes, einer "intelligenten" Werbekampagne, die eine "beträchtliche Zunahme" ermöglicht habe, doch er verschwieg die armselige Gesamtauflage: kaum zehntausend Exemplare, weniger als je in der 125jährigen Geschichte des Blattes.

Dabei bemühen sich redlich über zwanzig Redakteure – fast alle keine Priester –, diesen "römischen Beobachter" über die Peterskuppel hinausblicken zu lassen, ihn zu einer wirklichen Tageszeitung zu machen, einer "politisch religiösen" (wie der Untertitel besagt), und zwar mit Schlagzeilen und Kommentaren, die nicht nur von päpstlichen Reden und Reisen, sondern von Weltereignissen bestimmt werden. Aber braucht man dazu inmitten des italienischen Blätterwalds ein – vorwiegend italienisch geschriebenes – Vatikanblatt?

Selbst die italienischen Pfarrer sind selten darauf abonniert, und was die Kioske in Rom an Diplomaten und Journalisten verkaufen, zählt nicht viel mehr als die Abonnements, die sich Regierungskanzleien vom Weißen Haus bis zum Kreml leisten. Das war nicht immer so; gegründet wurde der Osservatore Romano – damals mit dem Untertitel "politisch-moralische Zeitung" – als ein Kampfblatt gegen den jungen italienischen Nationalstaat, der neun Jahre später Rom besetzte und sich des Kirchenstaats bemächtigte.

"Unversöhnliche Opposition" kündigte die erste Nummer; des Osservatore Romano am 1. Juli 1861 in ihrem Leitartikel an: "Unter dem Vorwand, die weltliche Macht der Kirche als Hindernis einer eingebildeten Einheit Italiens zu bekämpfen, und mit der Absicht, das dem Pontifex geraubte Rom zur Hauptstadt des neuen Königreichs zu machen, haben die Revolutionäre den Ruin der katholischen Religion dekretiert: ... Es gibt sozial notwendige Reformen, die religiös verboten sind ..."

Unter acht Päpsten und acht Direktoren leistete die Vatikanzeitung hundert Jahre lang hinhaltenden Widerstand gegen Zeitgeist und Zeitgespenster, setzte sie sich – bis zum Augenblick vorsichtiger Anpassung – mit Modernismus, Liberalismus, Sozialismus und Faschismus auseinander, immer an der Leine ihrer Direktiven. Diese kommen auch heute "von oben", also aus der dritten Loggia des Vatikans, vom "Amt für Information und Dokumentation", vom Substituten des Staatssekretärs, selten direkt aus dem Vorzimmer des Pontifex. Nie so strikt, daß außer päpstlichen Texten oder kirchenamtlichen Mitteilungen (Nostre Informazioni nicht auch Raum für Offiziöses und Halboffiziöses, Gescheites und Törichtes aus eigenem journalistischem Antrieb bliebe.

Manches, was in kurialen Äußerungen verschnörkelt dargeboten wurde, verwandelte sich dann, wenn es in den Redaktionszimmern der vatikanischen Via del Pellegrino angekommen war, zum vergröberten Klartext: "Protestantismus, Schisma, Laizismus und Bolschewismus sind im Grunde das Gleiche", schrieb der Osservatore Romano am 13. März 1933 zu einer Rede Pius XI. gegen die "Missionare des Antichrist", zu denen der Papst damals allerdings noch nicht den gerade zur Macht gekommenen Berliner Kanzler zählte.