Von Käthe Trettin

Im Jahr 1796 erschien in der Berliner Monatsschrift ein polemischer Artikel von Immanuel Kant unter dem Titel „Von einem neuerdings erhobenen Vornehmen Ton in der Philosophie“, worin eine Gruppe von „Mystagogen“ ins Visier genommen wird, die – von einem schlecht verstandenen oder „schlechten“ Platon inspiriert – einen obskurantischen, quasi-poetischen, „vornehmen“ Ton in die Philosophie hineintrage, der zu nichts Geringerem als dem Tod der Philosophie führen würde.

Von diesem marginalen kantischen Text ließ sich Jacques Derrida zu einer parodistischen Transformation verführen. Titel: „Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie.“ Die Stichworte scheinen klar: Tod – Apokalypse – Mystagogie. Wer erwartet, daß hier ein Philosoph sich im Jargon der allgemeinen Verunsicherung über Endzeit, Atomtod, Nuklearkatastrophe, ökologisches Desaster zu Wort meldet, hat nicht im Blick, daß man in Frankreich (seit Voltaire und Montesquieu) spitzfindiger mit der Einmischung von Intellektuellen in das politische Geschehen umgeht. Es handelt sich also um einen philosophischen und hochgradig politisch engagierten Essay.

Die Entmystifizierung beginnt mit der simplen Übersetzung von apokalypto, was so viel heißt wie, ich entdecke, ich enthülle, ich offenbare. Apokekalymmenoi logoi waren im Griechischen „anstößige Reden“. Das Exhibitorische der Apokalypse hatte schon damals die Bedeutung von Sex und Tod. So daß Kant, der mit spitzer Feder gegen die romantizistischen Neoplatoniker anschrieb (welche die Wahrheit lieber unter einem Schleier der Isis erschauernd erahnen wollten als der Stimme der Vernunft zu trauen) sich hier nicht nur als Aufklärungsheros darstellt, sondern das apokalyptische Sprechen für sich in Anspruch nimmt: Diese Mystagogie führt zum Tod der Philosophie. Diese „obszöne“ Aussage behält sich Kant selbst vor. Kant als Verkünder des Endes (in diesem Fall der Philosophie), Kant als Apokalyptiker.

Den Schleier (der Isis) enthüllen, die Wahrheit in ihrer Nacktheit entdecken: darum ist es weder Kant im empirischen Sinn gegangen, noch geht es Derrida in seiner Anverwandlung an diese Streitschrift um triftiges Handeln. Es geht um das Reden/Sprechen/Schreiben über das Ende. Es geht um die Verkündung des Todes, um die anstößige Rede vom absoluten Schluß. Obszön dabei ist, daß derjenige, der dies verkündet, sich gleichsam genüßlich herauszieht aus der lauschenden Menge, exhibitionistisch die allerletzte Wahrheit kundtut und sich selber – möglicherweise mit einigen wenigen Eingeweihten – mystagogisch verhält, als ein Führer/Duce (und wieder gehen wir zur Bekräftigung auf den griechischen Wortsinn zurück, etwas, das Derrida bei Heidegger sehr imponiert haben muß: das Agogische meint das Anführende, Leitende, Führerhafte). Der Aufklärer – das entwickelt Derrida in seiner liebevollen, nicht verbissenen Travestie Kants – wird nolens volens zum Mystagogen gegen den er doch in seiner Kampfschrift antritt.