Von Hans-Eckehard Bahr

Bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen erschien als Zeuge ein junger Mann aus Litauen. Er hatte sich 1943 auf dem jüdischen Friedhof von Wilna in einer Grabkammer vor der SS versteckt, zusammen mit anderen Verfolgten, unter ihnen eine junge Frau. Eines Morgens brachte die Frau einen Sohn zur Welt. „Großer Gott, hast du endlich den Messias zu uns gesandt?“ rief der 80jährige jüdische Totengräber beim Anblick des Neugeborenen, „wer anders könnte in einem Grab geboren werden?“ Drei Tage später, so berichtete der Zeuge, trank das verhungernde Kind die Tränen seiner Mutter, die ihm keine Milch geben konnte.

„... gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten.“ So heißt es im Schlußbericht über Jesus. Der Gekreuzigte wurde nach drei Tagen gerettet, stand auf, blieb nicht im Grab – anders als das jüdische Kind in Wilna.

Daß ihre Kinder und Frauen hingemordet werden, war alte jüdische Erfahrung seit der Geschichte von Bethlehem. „Klagen überall, Jammern und Geschrei! Tot waren sie!“ entsetzt sich Matthäus über Herodes und seine Legionäre, die in Bethlehems Häuser eindrangen und alle Kinder unter zwei Jahren niedermachten. Diese uralte Verfolgungsgeschichte des jüdischen Volkes ist jedem Juden bekannt. Wilna 1943, das wußte auch der alte Totengräber, wurde schon in Bethlehem inszeniert.

Das eigentlich Unfaßliche ist, daß der alte Mann die Hoffnung auf Rettung, diese Messias-Erwartung, nicht aufgab. Es ist die maßlose Hoffnung, daß Menschen es doch noch einmal erleben: kein Leid mehr, kein Geschrei. Und nicht nur irgendwann, sondern schon jetzt, die kleinen Unterbrechungen der Gewalt, ein neuer Himmel, eine neue, angstfreiere Erde, hier bei mir, da ein bißchen und dort, für ein paar Stunden, heute.

„Wir sind doch nur Leichen. Uns haben sie schon kaputtgemacht“, höre ich noch den jungen Mann reden. „Die Schule, die Uni, die haben uns abgewürgt. Was willst du noch verändern? Was lohnt sich noch zu verändern?“ Soll ich ihm sagen, er dürfe die Hoffnung nicht aufgeben? Soll ich ihn belehren: Wer sich nur als Opfer sieht, der macht sich handlungsunfähig? Ich wage es nicht. Ich bin nicht arbeitslos. Ich lebe nicht in einem finsteren Loch. Ich möchte wissen, woher der Mut und die Kraft kommen.