Wie sich Menschen im Hunsrück gegen die Raketenstationierung wehren

Von Charlotte Wiedemann

Hasselbach/Hunsrück

Die Raketen kommen. Ende Februar sind die ersten von insgesamt 96 Cruise Missiles im Hunsrück eingetroffen. Die Region zwischen Rhein und Mosel, Trier und Koblenz wird immer mehr vom Militär geprägt. In den Dörfern rings um die Nato-Basis Hasselbach, wo die Atomwaffen gelagert werden, regt sich der Widerstand. Hier ist der Ostermarsch mehr als ein traditioneller Frühjahrsspaziergang.

96 Kreuze stehen auf einem Acker an der Hunsrück-Höhenstraße. Jedes Kreuz ein Mahnmal, ein stummer Protest. Eine Autominute weiter, im Wald verborgen, liegt sie: die größte Atomwaffen-Basis Europas, jetzt noch eine gigantische Baustelle. Von der Friedensbewegung "Todesbasis Hasselbach" genannt, von den Amerikanern "B-Battery" – in den Dörfern schlicht "da oben", und jeder weiß, was gemeint ist. "Da oben" ist das Unheimliche, "da oben" wird für die Ewigkeit gebaut: Sechs Stahlbeton-Bunker, jeder über 50 Meter lang, sollen die Atombomben vor Atombomben schützen. Eine "gehärtete Anlage" nennen das die Militärs. Ein "Angriffsziel Nummer eins", befürchten viele Hunsrücker.

Am Stacheldraht der Todesbasis hängt ein Transparent: "Leben wär’ eine prima Alternative". Aufgehängt haben es zwei Frauen, zwei Auswärtige: Mitte Januar, bei minus zwanzig Grad, haben sie sich vor dem Tor zur Baustelle niedergelassen. Ihren kleinen Plastikverschlag, "Hexenküche" getauft, wollte die Polizei erst räumen, doch die Beamten dachten sich: Die Kälte wird die beiden schon vertreiben. Aber die Frauen blieben, harren jetzt im dritten Monat aus. Das hat den Hunsrückern imponiert: daß da zwei sind, die einfach nicht aufgeben, und viele brachten Suppe und Kuchen vorbei an der Hexenküche, "da oben".

Vor diesem Tor zur B-Battery bekunden einheimische Rüstungsgegner schon seit zweieinhalb Jahren ihren Protest gegen die Atomwaffen: An jedem Sonntagnachmittag, ob’s regnet oder schneit, ist dort Friedensgottesdienst, treffen sich mal 30, mal 50, mal 200 Hunsrücker, alte und junge, um zu beten, zu singen, gemeinsam zu schweigen. Mit einer Beharrlichkeit, die anfangs niemand für möglich gehalten hätte, entstand "da oben" am Stacheldraht eine ökonomische Basisgemeinde, die mit den Worten der Bibel ihrer Verzweiflung und ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht – im Hintergrund die Baukräne für ein Vernichtungspotential von tausendmal Hiroshima.