Ältere Hunsrücker erinnern sich noch, daß von den Hängen um den Erbeskopf schon einmal "Wunderwaffen" abgeschossen wurden: Hitlers "VI", die ersten Marschflugkörper der Kriegsgeschichte.

Im konservativen Hunsrück haben viele zu zweifeln begonnen, daß "das da oben" sein muß und daß "die da oben" es schon recht machen. Die Bäuerin Lore Kneip, auf deren Acker die 96 Kreuze an der Höhenstraße stehen, sagt: "Von den Politikern erwarte ich nichts mehr."

Das "Nein" zur Aufrüstung hat seinen Preis. Das Militär ist der größte Arbeitgeber der strukturschwachen Region, und mit den hohen Mieten, die die Amerikaner zahlen, läßt sich einfach Geld verdienen. 200 000 Mark hätte die Gemeinde Spesenroth einnehmen können, wenn sie der Nato einen stillgelegten Steinbruch überlassen hätte – doch die einberufene Bürgerversammlung lehnte ab.

Zu den Verweigerern gehört auch die Schreinerin Hilde Brück im benachbarten Gödenroth: Sie nimmt keine Aufträge vom Militär mehr an, "obwohl es bitter ist, sich den verlockenden Angeboten zu entziehen". Weil Hilde Brück das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung auch für ihren Lkw geltend machte, liegt ihr Fall nun beim Petitionsausschuß des Bundestages.

Das Kreiswehrersatzamt hatte der engagierten Kleinunternehmerin geschrieben, sie müsse ihren Lastwagen (den einzigen) für Verteidigungszwecke bereitstellen, wenn im Radio das Kennwort "Lila Pferd" ertöne. "Ausgerechnet lila", wunderte sich Hilde Brück und schrieb zurück: "Ich bin nicht bereit, einen Krieg möglich zu machen."

Zwei Jahre zog sich der Rechtsstreit hin, am Ende wurde die Klage der Schreinerin abgewiesen. Ihr 1,5 Tonner sei für die Verteidigung "unumgänglich notwendig", und seine Requirierung berühre nicht die Gewissensfreiheit der Klägerin – der Lastwagen werde ja im Kriegsfall "von ihrer persönlichen Sphäre vollständig losgelöst". Hilde Brück findet das Ganze nicht nur zum Lachen: "Es ist schlimm, daß ich mein Gewissen an den Staat abtreten muß."

Zur Real-Satire geriet auch ein Briefwechsel des Ingenieurs Reinhard Sczech aus Bell mit der Staatsanwaltschaft in Koblenz. Der Anlaß: Die regionale Friedenszeitung Hunsrück-Forum hatte Lagekarten der Cruise-Missile-Bunker veröffentlicht, die in anderen Medien vorher unbeanstandet erschienen waren. Im Hunsrück wurde das mit Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Ermittlungsverfahren als "Geheimnisverrat" geahndet. "Die Geheimhaltung nimmt direkt proportional mit der Entfernung von der Hasselbacher Raketenbasis ab", folgerte der Ingenieur und begann ein Spiel mit der Justiz. Öffentlich verteilte er die Lagekarten an diversen Stellen im Hunsrück und zeigte sich jeweils vorher beim Staatsanwalt an. Der schickte stets und prompt seine Leute los. Der Ingenieur trieb die Sache auf die Spitze, als er sich vom Presseamt in Bonn die "streng geheime" Lagekarte zuschicken lies, die ihm im Hunsrück ein Verfahren wegen "sicherheitsgefährdenden Abbildens" eingebracht hatte. Sofort war das Verfahren vom Tisch. Eine wahre Geschichte aus dem Hunsrück, wo alles ein bißchen anders ist.