Von Hans Mayer

Stimmt sie denn, die oft zitierte und bewunderte Formel Lessings: "Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch", und stimmt die von Lessing, unter Berufung auf Aristoteles, in der "Hamburgischen Dramaturgie" vertretene These, daß tragisches Geschehen auf dem Theater eine Reinigung der Leidenschaften bewirken könne? "Durch Mitleid und Furcht". Ist Richard Wagners Parsifal in der Tat würdig, anstelle des sündigen Amfortas als Gralskönig zu amtieren, weil er, der reine Tor, inzwischen "durch Mitleid wissend" geworden sei?

Andererseits: Wie soll man es verstehen, denn auch dies ist ein sorgfältig interpretiertes Zitat bei Käte Hamburger, wenn ein junger Mensch von heute in einem Interview (DIE ZEIT, 7. 10. 1983) konstatiert, daß "die neonazistischen Gruppierungen von uns kaum beachtet oder mitleidig belächelt wurden."

Wie paßt dies alles zusammen? Mitleid einerseits als höchstes Menschentum gepriesen durch – immerhin – Rousseau und Schopenhauer. Zum anderen jene bereits im 19. Jahrhundert auftretende, durchaus abschätzige Verwendung des Begriffs. Käte Hamburger, die alles gelesen hat, erinnert daran, daß bei Gustav Freytag in "Soll und Haben" der neue Lehrling, der spätere Musterknabe Anton Wohlfahrt, zuerst im Kontor "etwas verlegen, etwas mitleidig, ein wenig verächtlich" betrachtet wurde.

Käte Hamburger spricht von "Bedeutungsveränderungen des Mitleidbegriffs" und konstatiert: "Die Attribute mitleidig und verächtlich sind seit dem 19.Jahrhundert nahezu so unauffällig wie in früheren Jahrhunderten die positiven Attribute des teilnehmenden Gefühls." Das ist durchaus richtig. Man könnte, um die Erörterung des Mitleidsphänomens zu charakterisieren, daran erinnern, daß Willy Brandt vor einigen Jahren, angesichts eines kalten und erbarmungslosen Gesellschaftsverhaltens, den eigenen Zeitgenossen die Tugend der compassion anempfahl. Ohne Folgen, wie man weiß.

Vielleicht war es gerade dies: ein unterscheidungsloses Herumfuchteln mit Begriffen wie mitleidlos, erbarmungslos, gnadenlos, was eine scharfe Denkerin und genaue Philologin wie Käte Hamburger, Professorin im Stuttgarter Ruhestand und vom Jahrgang 1896, dazu brachte, die uralte Debatte, eine der Grundlagen aller humanistischen Erörterung, von neuem zu eröffnen. Indem vorab eine Klärung der Begriffe versucht wurde.

Das ist nun geschehen. In einem schmalen Buch, das wunderbar leicht und genau geschrieben wurde. Freilich bekommt diese Genauigkeit dem untersuchten Empfinden nicht besonders gut. Das Mitleid erscheint am Schluß als eine ziemlich "mitleidlose" menschliche Verhaltensweise. Kein Grund zur Emphase.