Kunze: Hilf mir regieren, Mensch! Hinze: Laß man.-Ich steh so im Streß. Der kleine Dialog stammt aus dem 1985 erschienenen „Hinze-Kunze-Roman“ von Volker Braun, Schriftsteller in der DDR. Kunze ist Parteifunktionär. Sein Markenzeichen: Er wird gefahren – in einer schwarzen Staatslimousine, groß, die Gardinen zum Zuziehen. Hinze, sein Chauffeur, ist gleichzeitig Seelenbadewanne seines Chefs. Der kurze Schlagabtausch zwischen den beiden enthält die Quintessenz des Lebensgefühls à la DDR. Ohne die Mithilfe der Bevölkerung ist die SED nicht in der Lage zu regieren. Die Werktätigen auf der anderen Seite sind es gewohnt; sich innerhalb der gegebenen Grenzen zu „arrangieren“. Ganz abgesehen davon: Das Volk hat zu tun – das Volk steht im Streß. Die Arbeitszeit ist noch immer länger als hierzulande, ganz zu schweigen von der nervenaufreibenden Organisation des Alltags (der Einkauf!). Und die Datsche (das Wochenendhaus) will schließlich auch gebaut sein. Schließlich: Was die Regierung unter „Mitregieren“ versteht, das zeigen die vielen ehrenamtlichen Volksvertreter, deren anstrengende ehrenamtliche Zusatzarbeit nicht gerade zum Nachahmen einlädt.

Der Hinze-Kunze-Dialog könnte aber auch eine Parodie auf die jüngst begonnene ökonomische Modernisierungskampagne in der DDR sein.

Wohlverstanden, es gibt in der DDR keine offizielle Diskussion über die Moderne, versteht man sie in der Nachfolge Adornos (und nicht nur auf Kunst bezogen) als Prozeß einer innovatorischen Praxis, die sich im ständigen Widerspruch zu überkommenen Normen, Traditionen und Strukturen befindet, deren Existenz durch sie bedroht ist. In den Lexika der DDR befindet sich nur der auf den Westen gemünzte Begriff des „Modernismus“, der vom Hautgout der westlichen Dekadenz umweht ist. Verwandte Gedankengänge finden sich unter den Stichworten „Fortschritt“ und „Wissenschaftlich-technische Revolution“, dies freilich nur für gesellschaftliche Teilbereiche, an erster Stelle für die Wirtschaft. „Wissenschaftlichtechnische Revolution“ zum Zwecke des Fortschritts“ – hinter dieser Parole verbirgt sich das strukturelle Gebot, unter dem die SBZ/DDR seit Kriegsende stand, ein armes Land mit einer mangelhaft ausgestatteten industriellen Infrastruktur (viel Landwirtschaft und verarbeitende Industrie, wenig Rohstoffe und Grundstoffindustrien), das seine Industrie unter erschwerten Bedingungen aufbauen und modernisieren mußte.

Veraltete Metaphern

„Fortschritt“ wird seither groß geschrieben und verstanden als das Zusammenwirken von großen Wiederaufbauleistungen und ständig steigender Wachstumsrate. Als Ergebnis des ständig wachsenden Fortschritts hat sich auch die Gesellschaft verändert. Die Gesellschaft der DDR, wie wir sie seit den siebziger Jahren vor uns sehen, unterscheidet sich auf den ersten Blick allenfalls nach Qualitätsmerkmalen, nicht jedoch nach quantitativen Gesichtspunkten von der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Ihr Wahrzeichen sind die Trabantenstädte aus Fertigteilen allüberall in der DDR, sind die Autoschlangen in den verstopften Straßen nach Feierabend und die neuen Industriekombinate. Auf den zweiten Blick ist es das Mehr an Bürokratisierung und das Weniger an individuellen Kompensationsmöglichkeiten, die den Unterschied ausmachen.

Gewiß hat sich auch der Partei- und Staatsapparat verändert. Die direkten Methoden der Macht- und Gewaltausübung sind durch mehr indirekte Methoden der Verwaltung abgelöst worden. Aber von der modernen Form des Managements, wie sie Peter Bender in „Das Ende des ideologischen Zeitalters“ für die Zukunft des Sozialismus unterstellt, ist die politische Führung der DDR weit entfernt.

Welche strukturellen Hindernisse einer Ablösung von den alten Formen und Inhalten der Machtorganisierung entgegenstehen, wird überdies deutlich im Bereich der ideologischen Theoriebildung. Die Diskussionen um die „sozialistische Persönlichkeit“ und ihr Bewußtsein in den letzten Jahren haben deutlich gemacht, daß im Bereich der Theoriebildung zwar eine Annäherung an die alltägliche Realität zu verzeichnen ist, daß aber die SED nicht von zentralen ideologischen Prämissen, so auch der ihres alleinigen Machtanspruchs, abrückt; ihr geht es lediglich um die bessere Funktionalisierung der ideologischen Erziehung und Propaganda.