Die erste Reaktion der anderen Wiesbadener Gymnasien: „Die spinnen, die Kollegen von der Helene-Lange-Schule!“ Mitten in die lautstarken Proteste gegen die Einführung der Förderstufe in der Stadt, die den Gymnasien die Klassen fünf und sechs nehmen wird, platzte die Nachricht: Das Helene-Lange-Gymnasium will Gesamtschule werden, integrierte Gesamtschule sogar, und eine eigene Förderstufe einrichten. Kollegium und Elternbeirat haben den Beschluß mit großer Mehrheit gefaßt.

Unbeeindruckt von den düsteren Visionen der Standeskollegen tragen die Lehrer ihre Argumente für diesen in Hessen einmaligen Schritt vor. Seit 1974 sind Mittel- und Oberstufe an der Helene-Lange-Schule räumlich und organisatorisch voneinander getrennt. Ohne eigene Förderstufe wäre an ihrer Schule eine gymnasiale „Rumpf-Mittelstufe“ für die Klassen sieben bis zehn übriggeblieben – „pädagogisch ein Unding“. Wichtiger noch ist die Erfahrung, als Gymnasium viele der eigenen Schüler in eine Sackgasse zu führen: Wenn sie am Ende der 10. Klasse mit einem Zeugnis voller Vieren einen Ausbildungsplatz suchen, bleiben sie im Wettbewerb mit guten Realschülern auf der Strecke. Der Übergang in die Oberstufe wird dann zur Notlösung, die eine sinnvolle Berufsentscheidung verzögert oder gar verhindert. Mit dem differenzierten Lernangebot der Gesamtschule könne man dagegen auch diesen Schülern gerecht werden. Dies vor allem, wenn das pädagogische Konzept konsequent auch Aspekte des „praktischen Lernens“ einbezieht, wie es das Kollegium der Helene-Lange-Schule vorhat.

Völlig überraschend kommt der Schritt allerdings nicht. Die Schule versucht schon seit Jahren, aus der „gymnasialen Käseglocke“ herauszukommen. Projektwochen und Projekttage gehören zur Tradition, desgleichen ein Betriebspraktikum für alle Schüler der neunten Klasse. Seit ein paar Jahren ist die Schule in Wiesbaden Anlaufstelle für Ausländerkinder (gerade auch türkische), die fürs Gymnasium geeignet scheinen. „Der Ausländeranteil liegt heute bei zwanzig Prozent“, berichtet Schulleiterin Enja Riegel. Das Erstaunliche: Kollegium und Elternschaft sind stolz auf „ihre“ Ausländer. Für sie gibt es, neben Förderkursen, eine nachmittägliche Hausaufgabenhilfe, die von älteren Schülern getragen wird.

Der Umgang mit den ausländischen Schülern hat die pädagogische Diskussion in der Lehrerschaft angeregt und vertieft: Wie muß schulisches Lernen aussehen, wenn es den unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht werden will? Wenn es auf selbsttätiges, erfahrungsoffenes Lernen zielen soll und nicht nur auf abfragbares Wissen? Was heißt eigentlich „Erziehung“ in einer Schule, in der sich die Fachlehrer im Stundentakt die Türklinke in die Hand geben?

Diese pädagogische Orientierung des insgesamt relativ jungen Kollegiums zahlt sich jetzt aus. Nach intensivem Studium der Gesamtschulliteratur und mehreren Erkundungsfahrten zu integrierten Gesamtschulen inner- und außerhalb Hessens stand für die Lehrer fest: Wir wollen von allem das Beste, auch von den gymnasialen Traditionen. Das heißt konkret: Der Klassenverband bleibt solange wie möglich erhalten, die Lehrer sollen in „ihren“ Klassen möglichst viele Stunden unterrichten. Zur Zeit bereitet sich ein Team von zwölf Kollegen auf den ersten Jahrgang der Förderstufe vor, der im Sommer aufgenommen wird. Die vier Parallelklassen werden räumlich und organisatorisch eine Einheit bilden: Eine kleine „Schule in der Schule“ mit Klassenzimmern, Schülertreff und Lehrerzimmer für das jeweilige Team.

Verblüfft registrieren die anderen Wiesbadener Gymnasien das selbstbewußte Auftreten von Schulleiterin Enja Riegel und ihrer Mannschaft. Während sie noch darum kämpfen, besonders „gymnasialträchtige“ Grundschulen in die – mit der Einführung der Förderstufe verbindlich festgelegten – Schulbezirke zu bekommen, plädiert Enja Riegel für den freien Wettbewerb unter den Förderstufen. Eltern sollten nicht gezwungen werden, ihr Kind an der Helene-Lange-Schule anzumelden, nur weil sie im „Schulbezirk“ wohnen. Zugleich sollte die Schule für alle Eltern im Stadtgebiet wählbar sein.

Die Anmeldezahlen geben ihr recht: Zu den 77 Schülern aus dem Schulbezirk kommen schon vierzig Anmeldungen aus der Stadt für den ersten Jahrgang der Förderstufe. Da die Schule nur vier Klassen mit maximal 100 Schülern bilden wird, muß die Hälfte der „Auswärtigen“ mit einer Absage rechnen. „Und gerade das“, bedauert Enja Riegel, „sind Eltern, die ihr Kind bewußt an diese Gesamtschule schicken wollen.“ Sabine Gerbaulet