Von Frank Busch

Der Euripideische Held, so befand Nietzsche, habe eben Todessprung aus der Höhe antiker Tragik ins bürgerliche Schauspiel hinter sich. Aus Wahlverwandtschaft, so ließe sich folgern, hat sich Schiller Euripides’ Tragögie „Iphigenie in Aulis“ zur Übersetzung vorgenommen: Zwar konnte er kaum Griechisch, aber die Dramatik bürgerlicher Trauerspiele war ihm vertraut. Die Mischung aus hoher Tragödie und Familienschnulze hatte er bereits beim „Don Carlos“ erprobt, als er 1787/88 aus französischen, lateinischen und deutschen Vorlagen seine „Iphigenie“ nachdichtete. Das Ergebnis wurde von den meisten Regisseuren als Bastard angesehen, doch erst Hansgünther Heyme hatte die geniale Idee, es wie einen Bastard zu inszenieren.

Das Opfer der eigenen Tochter Iphigenie, von dem sich Agamemnon einen günstigen Wind für die in Aulis festsitzende griechische Flotte erhofft, war schon bei Euripides keine heroische Tat, sondern von Zweifeln und Ängsten überschattet. Das hatte Nietzsches Vorwurf begründet: „Die bürgerliche Mittelmässigkeit, auf die Euripides alle seine politischen Hoffnungen aufbaute, kam jetzt zu Wort.“ Doch zu welch einem Wort kommt sie in Heymes Inszenierung! Geborgte Worte aus Schillerschem Pathos bekleiden die bürgerliche Mittelmäßigkeit unserer Nachkriegsjahre. Wolf Münzner hat die Bühne mit einem Buffet, Tisch und Stühlen aus der Gründerzeit eingerichtet; klobige Prunkstücke, wie sie das Bürgertum der Wilhelminischen Epoche schätzte und wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg, sofern gerettet, verlorene Bürgerkultur repräsentierten.

Da hinein kommen die Herren im schwarzen Anzug und in Lackschuhen, die Damen auf den Kothurnen der fünfziger und sechziger Jahre, jenen sechs bis zwölf Zentimeter hohen Bleistiftabsätzen, deren Klick-Klack den Rhythmus der Zeit markierte: Auf hohen Hacken und mit tief dekolletierten Korsagenkleidern erscheinen die Frauen aus Chalchis, wie Euripides die Mitglieder des Chores bezeichnet, bei Heyme als Damen der Gesellschaft Das ist kein Chor, das sind Chor-Girls: Wenn sie Schillers Euripideische Verse zum Ruhm der griechischen Flotte skandieren, so hört sich das an, als sängen sie gleichzeitig „Ein Schiff wird kommen“ und „Von der Maas bis an die Memel.“

In aller Unschuld, versteht sich, denn Politik ist für die Damen kein Thema. Das haben sie sich schon ins Poesiealbum geschrieben – so klingt es jedenfalls aus ihren Gesängen: „Groß ist’s, der Tugend nachzustreben. / Das Weib dient ihr im stillen Leben / Und in der Liebe sanften Schoß. / Doch in des Mannes Taten malen / Sich prangend ihre tausend Strahlen, / Da macht sie Städt’ und Länder groß.“

Die Schlachtung Iphigeniens – können sie sie hindern? Sie können wohl derartig Schreckliches gar nicht denken. Sie glauben dem Vorwand Agamemnons, Iphigenie käme zur Hochzeit mit Achill ins Lager. Also zucken sie verschreckt mit den Schultern, wenn von der Grausamkeit des Menschenopfers die Rede ist. Fällt ein Wort wie „hinschlachten“ zwischen Menelaos und Agamemnon, so legen sie die Hände zu einer Verlegenheitsgeste zusammen.

Das Gezänk zwischen Agamemnon und Menelaos aber verstehen sie nicht. Sie sind dabei, wenn Menelaos Agamemnon vorwirft, er habe nur für die Karriere die Tochter zu opfern angeboten, und nun müsse er auch zu diesem Opfer stehen; sie sind dabei, wenn Agamemnon auf diesen Vorwurf erwidert, Menelaos habe den ganzen Trojanischen Krieg nur vom Zaun gebrochen, um Helena ins Ehebett zurückzuholen; sie sind dabei – doch wird man ihnen ohne weiteres glauben, daß sie von nichts gewußt haben.