Von Karsten Witte

Die Denkmäler in Budapest, die Staatsmännern nicht gelten, sondern, soweit man sieht, Poeten und Musikern, sind fest in Planen eingeschlagen, die sie gegen Frost und zu plötzliches Tauwetter schützen mögen. Einzig der Gott des Handels, Merkur, hebt unempfindlich gegen jeden Klimasturz nackt auf geflügelten Schuhen ab. Ihn darf man nicht verhüllen. Merkur hält keinen Winterschlaf. Im Gegenteil, geschäftig lud er ein halbes Tausend Filmexperten der Welt zur Budapester Spielfilmschau.

Sie begann mit rhythmischen Applaus, als die Riege von Ungarns bekanntesten Regisseuren (Szabo, Janscö, Kovacs, Gáal und andere) auf die Bühne marschierte. Eine frisch gefönte Dame im Sakko aus Silberlamé begrüßte sie. Es war wie im Fernsehen. Bis auf die Forderung im Namen der Kunst, die ich nicht erwartet hatte: gerechte Kritik für schwierige Filme. Ich wollte gerecht sein. Wo waren die schwierigen Filme?

Die ungarischen Filme haben eine lange Tradition, mit der Tradition zu brechen, die in anderen Ländern des sozialistischen Lagers die Norm setzte. Radikale Selbstkritik, ausschweifende Suche nach Identität und ein scharfer, lakonischer Umgang mit der eigenen Geschichte waren immer die Signale, die Ungarns Filme setzten. In jüngster Zeit werden diese Lichter, die nach innen leuchten, schwächer. Zuviel Energie wird ihnen von außen abgezogen. Man setzt nun auf Koproduktion. Denn der Westen leuchtet. Ein „Oscar“ für „Mephisto“, und schon fliegen die Illusionen scharenweise in einen filmischen Frühling.

Nicht alle fliegen gleich hoch. Die praktische Komödie, die im schwierigen Alltag Erleichterung verspricht, überwiegt. György Szomjas Fim „Der Wandbohrer“ ist ein Beispiel. Ein junger Familienvater wirft die Fabrikarbeit hin und ergattert eine Lizenz als Privathandwerker. Mit den Diensten, die er frustrierten Hausfrauen in den riesigen Wohnsilos anbietet, wirkt er als Medium, das mühelos und eigensüchtig durch die sozialen Klassen spaziert. Ein bißchen Soziologie, ein bißchen Sex und eine alberne Verbindung von beidem.

Die Kamera bleibt an halb geöffneten Türen stehen. Man ahnt zu kurz gekommene Begierden. Man hört deutsche Laute auf der Tonspur der Heimpornofilme und das Lehnwort „Sicherheitskupplung“ im Zusammenhang mit Bohrmaschinen. Im Lift der Wohnmaschine sind Graffiti für westliche Musikgruppen der „Rolling Stones“ und „AC/DC“ eingekratzt. Das zäh schwingende Gitarrenmotiv des Films könnte von Ry Cooder sein. Jedes Bild ist ein Angebot an die Zuschauer, mit der Wohnmisere opportunistisch umzugehen. Solange die Phantasie der jungen Ungarn mit westlichem Traumstoff zu wattieren ist, mag das Futteral erträglich scheinen.

„Gesunde Erotik“ (von Peter Timár), ein anderes Beispiel aus der Generation der heute 30- bis 40jährigen Regisseure, die ihre neuen Werke vorstellen, will ausdrücklich eine „Burleske“ sein. Eine Holzkistenfabrik auf dem Lande, die ausschließlich Frauen beschäftigt. Der Chef ist ein Mann, ein Spanner dazu. Die Arbeiterinnen legen ihm das Handwerk so gründlich, daß am Schluß die Fabrik in Flammen aufgeht. Liebe und Anarchie? So vielschichtig verfährt Timár leider nicht. Die Burleske verlangt mimische Kraftakte und heftige Situationen. Das Landleben muß lustig sein. Da können sich die Städter auf die Schenkel schlagen. So rückständig waren sie vermeintlich nie. „Gesunde Erotik“ ist wie die Erinnerung an die verflossene Zeit der strammen Mädel und der sauberen Genossen.