Noch vertritt die Mehrzahl der Kreditinstitute – jedenfalls nach außen hin – die Auffassung, daß es sich bei den jüngsten Kursrückschlägen auf dem Aktienmarkt lediglich um Schwankungen handelt, die in der gegenwärtigen Börsenphase geradezu typisch wären, und noch nicht um das Ende der nun schon mehr als dreieinhalb Jahren anhaltenden Aktienhausse. Nach Ostern, so trösten die Bankiers ihre unruhig werdenden Kunden, wird es mit den Aktien wieder aufwärts gehen.

An den günstigen „fundamentalen“ Voraussetzungen für einen weiteren Anstieg der Aktien scheint sich tatsächlich bisher nichts geändert zu haben. Aber es stört, wenn die Siemens-Aktie, Paradepferd der deutschen Börse, innerhalb weniger Wochen fast zwanzig Prozent ihres Kurswertes einbüßt. Hier wie bei den Aktien der Großchemie wollen die Bankiers Verkäufe aus den Beständen der Kundschaft des Nahen und Mittleren Osten beobachten. Vermutlich haben die Ölförderländer damit begonnen, ihre Mindereinnahmen beim Öl durch Verkäufe von Wertpapieren auszugleichen.

Für die Kursschwäche bei Siemens werden aber auch reduzierte Gewinnschätzungen verantwortlich gemacht. Während sich die Siemens-Aktionäre auf der letzten Hauptversammlung zufrieden zurücknehmen, fanden aufmerksame Börsianer in den Ausführungen der Verwaltung, insbesondere von Finanzcnef Heribert Närger, nachdenklich stimmende Töne. Daß seine Betrachtungen über eine später auch einmal möglich werdende Dividendensenkung sowie darüber, daß künftige Kapitalerhöhungen zu höheren Emissionspreisen stattfinden müßten als bisher gewohnt, mehr grundsätzlicher Natur waren und nicht aus aktuellem Anlaß geschahen, spielte für die ohnehin über die Entwicklung der Siemens-Aktie verängstigten Börsianer keine Rolle.

Wie es scheint, wird der deutsche Kapitalmarkt vorerst ohne einen nennenswerten Zustrom neuen Kapitals leben müssen. Auf Mark lautende Anlagen haben nicht zuletzt auch deshalb Attraktivität eingebüßt, weil der deutschen Währung gegenwärtig die Aufwertungsphantasie fehlt. Selbst innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) besteht kein Bedarf für eine Neuordnung. K. W.