„Und daß Sie Eichmanns Sohn sind, während diese Männer Judensöhne waren, das spielt hier keine Rolle; denn Ihre Mutter und deren Mutter ist ein und dieselbe. Sie alle sind Kinder einer und derselben Epoche.“ Günther Anders

„Wir Eichmannsöhne“

Das Grauenvolle der nationalsozialistischen Verbrechen wirkt auch noch in die nächsten Generationen hinein, nicht nur bei den Verfolgten, sondern ebenso bei den Nachkommen der Verfolger. Was hat die Elterngeneration der Täter ihren Kindern unbewußt an psychischen Verformungen vererbt?

In Gesprächen mit Psychoanalytikerinnen und Kindern von Tätern habe ich versucht, dem verdrängten, verschütteten Erbe näherzukommen. Die vier Fälle, über die ich hier berichte, sind keine besonders ausgesuchten Lebensläufe. Ich brauchte nach diesen Schicksalen nicht mit der Lupe zu suchen. Fast jeder meiner Gesprächspartner wies mich auf Bekannte, Verwandte, Freunde hin, von denen er wußte, daß sie sich mit denselben Problemen abplagten.

Es kann auch gar nicht anders sein. Man braucht sich anhand von Raul Hilbergs Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“ nur einmal zu vergegenwärtigen, daß im Dritten Reich weite Bereiche des gesamten Staatsapparates mit irgendeiner Teilfunktion in die Vernichtungsmaschinerie eingegliedert waren, um eine Idee davon zu bekommen, in wie vielen Menschen innere Verwüstung angerichtet wurde, und zu begreifen, was es heißt, in der Gesellschaft von Tätern aufgewachsen zu sein.

Ein spezifisches Nazi- oder Verfolgungssyndrom, also ein einigermaßen fest umreißbares Bündel von Symptomen, gibt es offenbar nicht. Die Psychoanalytiker berichten jedenfalls, daß diese Patienten ursprünglich wegen Depressionen, Zwangsphantasien, Ängsten, Arbeitshemmungen oder psychosomatischen Störungen in die Behandlung kamen. Erst in der gemeinsamen Arbeit steht das Grauen der Vergangenheit auf, und das zeitweise gnadenlose Umgehen mit dem anderen findet Eingang ins Behandlungszimmer. Auch hier kann es, wie zwischen Eltern und Kind, gemeinsame Vermeidung geben, sei es, daß der Patient die Analyse abbricht, sei es, daß der Analytiker die Einfühlung in die grauenvollen Phantasien seines Patienten verweigert, um sich zu schützen.

Trotz der Unverwechselbarkeit jedes individuellen Schicksals gleichen sich die Muster: In den Familien hat sich – Jahre nach dem Krieg – noch einmal die Trennung der Menschen im Dritten Reich in Verfolger und Verfolgte, Täter und Opfer, Sieger und Besiegte abgebildet.