Hervorragend

Alexander Scrjabin: „Symphony Nr. 1 E-Dur op. 26“. Als Klavierkomponisten möchten ihn Kenner niemals missen, man hört ihn oft. Dem sinfonischen Werk indes, das das einheimische Idiom (Tschaikowskij, Rimskij-Korsakow) schon früh abstreifte, dagegen viel von Wagner und Strauß annahm, begegnet man im Konzertsaal und auf Schallplatten seltener, überdies auffallend distanziert. Abgesehen von den symbolträchtigen Tondichtungen „Poème de l’extase“ (op 54) und „Promèthèe“ (op. 60), allenfalls noch dem „Poème divin“ (3. Sinfonie), glückt der Umgang mit dem skurrilen, als „westlich-dekadent“ gebrandmarkten Exzentriker der Jahrhundertwende auch heute noch selten. Eine Gesamtaufnahme der Sinfonien, die der Katalog verzeichnet (Philips 67 6904), ist neben drei Einzelnummern ein bißchen wenig; höchste Zeit also, daß sich das Philadelphia-Orchestra, eines der Traditionsorchester der USA, dazu aufraffte, dem bedeutenden russischen Komponisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Neugierige kommen ohnehin, Genießer erst recht bei einer so leidenschaftlich und mit so großer Könnerschaft gespielten Expressivo-Melodik auf ihre Kosten. Denn süffiger, gelegentlich auch tiefschürfender lassen sich solche impulsiven naturalistischen Stimmungsbilder wohl kaum malen. Riccardi Mut, der italienische, im Brio erprobte Chef-Dirigent des Orchesters, trifft des Ekstatische so genau, daß man die sogar ziemlich mißratene „Hymne auf die Kunst“ im Finale relativ gelassen in Kauf nimmt. (Stefania Toczyska, Sopran, Michael Myers, Tenor, Westminster Choir, Philadelphia Orchestra, Dirigent: Riccardo Muti; EMI 27 0270 1)

Peter Fuhrmann

Amüsant

Mira Lobe, Erich Meiner, Winfried Opgenoorth: „Valerie und die Gute-Nacht-Schankel“. Aus dem allabendlichen Drama ums rechtzeitige Zubettgehen ist eine hübsche musikalische Komödie geworden. Putzmuntere, aufmüpfige Heldin ist die kleine Valerie. Sie weigert sich energisch einzuschlafen und bezirzt ihren gutmütigen Vater zu Traumreisen in alle Himmelsrichtungen: in den Orient, ans Meer, in die Berge, zu guter Letzt in einen bombastischen Zirkus. Das Bilderbuch von Lobe und Opgenoorth (im Jungbrunnen Verlag erschienen und dieser LP als Heft beigegeben) hat Meißner zur Fabulier-Vorlage für eine musikalische Reise gemacht. Die Musiken sind phantasievoll komponiert und arrangiert. Wenn Valerie ihren Vater über alle Kontinente gejagt hat, wird Gott sei Dank auch sie einmal todmüde und seufzt nur noch: „Bitte, Papa, sei so nett, bitte, bring mich schnell ins Bett!“ Eine Traumreise für Schlafbummler, die ungewöhnlich vergnüglich anzuhören ist: heiter, phantastisch, originell, unverkrampft – eine Schallplatte als nützliches Hilfsmittel für die zahlreichen Überrumpelungsversuche geplagter Vater, die ihre Kinder zum Schlafengehn überlisten müssen. (EFA 18-5608, Rillenschlange, Postfach 2 25, 3205 Bockenem 1) Ute Blaich